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SABINE BERGHAHN/PETRA ROSTOCK/HALINA BENDKOWSKI
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einer Form, die sie verstehen können, Frauen und Männer darüber aufgeklärt
werden, dass sie in Deutschland laut GG gleichberechtigt sind und sich eine
Frau nicht zwangsverheiraten lassen muss. Wichtig ist, Menschen für Kon-
fliktfälle Rechts- und Sozialhilfe anzubieten und zu gewähren und sie das
wissen zu lassen. Es muss ganz besonders ausgeführt werden, dass Frauen
sich wie Männer scheiden lassen können und dass es ein Recht auf Unver-
sehrtheit für alle gibt. Es ist wichtig, dass Menschen, die nach Deutschland
immigrieren, Kenntnis davon haben, denn nur was man weiß, kann man im
Konfliktfall nachfragen. In dem Aufruf damals wollten wir ein Panorama
aufmachen, das zeigt, dass in dieser Gesellschaft, die sich so aufgeklärt gibt –
damals noch unter rot-grün –, ganz viele Frauen in einem rechtlosen Zustand
leben. Und dass das geduldet wird unter einem Liberalitätsvorbehalt, den ich
unakzeptabel finde, weil er den Problemen eigentlich nur ausweicht. Wofür
haben wir denn gekämpft, beispielsweise bei Vergewaltigung in der Ehe?
Heute sagen alle, ist doch selbstverständlich, dass eine Frau sich in der Ehe
nicht vergewaltigen lassen muss. Aber dafür mussten wir kämpfen. Sollen wir
jetzt wieder alles den Traditionen überlassen? Die Traditionen sind doch
furchtbar.
Sabine Berghahn: Es muss aber berücksichtig werden, worauf Ihr eigentlich
reagiert habt! Der Aufruf »Wider eine Lex Kopftuch« bezog sich auf das
Bundesverfassungsgericht und die von ihm eröffnete Möglichkeit, Verbots-
gesetze für Kopftücher von Lehrerinnen zu erlassen, also Verbotsgesetze ge-
gen religiöse, politische und weltanschauliche Symbole überhaupt bei Lehr-
kräften in der Schule. Und wenn man sich den Aufruf von Marieluise Beck
und ihren Mitstreiterinnen anschaut, der ist schon so differenziert, so abge-
schwächt, da wird gesagt, dass es natürlich Fundamentalismus und Unter-
drückung von Frauen gibt und das Kopftuch auch als ein Symbol dafür
verwendet werden kann, aber dies eben nicht bedeuten muss. Das ist genau
dasselbe, was das Bundesverfassungsgericht auch zum Ausdruck gebracht
hat, jedenfalls die Senatsmehrheit. Wenn Ihr darauf reagieren wolltet, dann
haben die Verfasserinnen des »Wider eine Lex Kopftuch«-Aufrufes eigentlich
gar keine Gelegenheit dazu geboten. Ich denke, Ihr habt da etwas hin-
einprojiziert, weil Ihr eine generelle Debatte eröffnen wolltet, zum Thema:
Wie gehen wir mit muslimischen Einwanderern um? Und wie gehen die wie-
derum mit ihren Frauen um?
Halina Bendkowski: Nein. Meine Kritik an Marieluise Beck und Barbara John
war und ist noch heute eine andere. Damals echauffierte sich die Debatte
zunehmend und kam auch auf das zu sprechen, was, und da gebe ich der
Seyran Ateş in gewisser Weise Recht, unter dem multikulturellen Etikett
›liberal‹ unter dem Tisch liegen geblieben ist. Und das kochte jetzt eben hoch.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik