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KONFLIKTE UM DER FREIHEIT WILLEN SIND UNUMGÄNGLICH
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tegrieren, die multikulturell sind und in denen sich viele durch Laizität
diskriminiert und nicht als gleichberechtigte Bürger/innen anerkannt fühlen?
Halina Bendkowski: Ich glaube, alles Lernen geht nur durch Konflikte. Das
geht einfach nicht anders. Lernen ist ein Konflikt. Ich meine nicht das Lernen
von Wissen sondern das Lernen von Freiheit. Das ist ein einziger Konflikt-
prozess. Und es ist besonders schwierig für Frauen, den Mut zu haben, sich zu
befreien. Es ist natürlich auch schwierig für Männer, sowohl, wenn sie die
Ordnung gerne erhalten möchten, aber auch schwierig für sie, den Ordnungs-
hütern Paroli zu bieten. Nur weltweit ist es für die Frauen noch immer un-
gleich lebensgefährlicher. In der Laizität sehe ich eine gesellschaftliche Chan-
ce und Pflicht, jenseits der Religionen eine immer wieder nötig zu erörternde
Ethik zu etablieren. Dass das ein schwieriger Prozess ist, kann man nicht
verhindern. Ich weiß es ja selber aus meiner Biographie. Meine Mutter hat
selber ein Kopftuch getragen, als sie nach Deutschland kam. Meine Mutter
kam aus Polen, aber als sie dann in Deutschland war, hat sie ein Kopftuch
getragen. Mir ist das also alles vertraut. Man kommt hierher und glaubt dann
auf einmal, man müsse strenger mit sich und seiner Religion sein, weil das
auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl schafft. Wenn sie das nur für sich
machen, ist das auch etwas anderes, aber wenn sie das dann weiter an ihre
Töchter delegieren, da muss eine gesellschaftliche Intervention stattfinden,
damit die Töchter nicht Opfer der Verunsicherung ihrer Eltern werden. Und
die Einstellungen ändern sich dann auch, weil sie sehen, ihre Töchter werden
nicht Prostituierte, bloß weil sie sich nicht so verhalten wie ihre Eltern.
Sabine Berghahn: Im Grunde erklärt sich Deine Haltung daraus, dass Du Dich
mit denen identifizierst, die dem verheerenden Einfluss der Religion über-
lassen werden, irgendwelchen Sittsamkeitsregeln folgen müssen und nicht
gegen ihre Eltern und gegen den Mainstream als Individuen verteidigt wer-
den.
Halina Bendkowski: Ja. Weil sie es nicht können, sie können es nicht.
Sabine Berghahn: Das ist sicherlich eine berechtigte Kritik, aus der man ins-
besondere an Sozialarbeit und Institutionen Forderungen ableiten kann, was
inzwischen ganz unabhängig von der ›Kopftuchkontroverse‹ in den letzten
Jahren geschehen ist. Ansatzweise wird also etwas getan, was natürlich auch
eine Geldfrage ist. Da hast Du Recht mit Deiner Aussage, dass es Sozial-
politik ist. Aber muss man nicht trotzdem, um den Migrant/inn/en Gerech-
tigkeit widerfahren zu lassen, zugestehen, dass es keinen generellen zwingen-
den Zusammenhang gibt zwischen der islamischen Religionszugehörigkeit
und patriarchalen Zuständen?
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik