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SABINE BERGHAHN/PETRA ROSTOCK/HALINA BENDKOWSKI
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Halina Bendkowski: Natürlich, trotz Religionsunfreiheit verhalten sich nicht
alle Menschen als Religionsirre. Das ist mir ja klar. Aber ...
Sabine Berghahn: ... und es gibt auch innerhalb der Religionen unterschied-
liche Lehren und Auslegungen. Und da auch Fortschritte und Entwicklungen
hin zu freiheitlicheren, individuelleren Auslegungen.
Halina Bendkowski: Ja, das gibt es schon, das gibt es auch in der katholischen
Kirche, in der ich mich besonders gut auskenne, aber ich bin doch erstaunt,
wie schnell Rückschritte auch wieder möglich sind. Da kommt dann so ein
Kardinal Ratzinger und studiert sogar die Gendertheorie. Man muss sich doch
wundern, wie modern der einerseits ist. Der ist in gewisser Weise wirklich auf
der Höhe der Zeit. Sogar auf Judith Butler nimmt er Bezug. Die hat er wahr-
scheinlich lesen lassen. Aber er weiß, dass die ›Dekonstruktions‹-Debatte und
die ›Postmoderne‹-Debatte Menschen in Verführung bringen können, ihr Ge-
schlecht selber bestimmen zu wollen.13 Und das hat Gott nicht so vorgesehen,
Gott hat vorgesehen Mann und Frau und zwar in der Ordnung, deshalb gehen
Homosexualität und Transgender natürlich gar nicht. Immer wieder wollen sie
die Geschlechterordnung zementieren. Die sind ja nicht anders als die Isla-
misten, das muss man ganz ehrlich sagen. Die katholische Kirche hat nur
nicht mehr die Macht. Sie haben nicht mehr die nahe Macht zu den Men-
schen, wie die islamische Religion sie noch hat.
Ich halte wirklich von keiner dieser Religionen etwas. Und ich denke
wirklich, die vornehmste Aufgabe von Feministinnen ist, denen so viel Laizi-
tät wie möglich aufzudrängen. Es ist eine bedenkliche Niederlage, dass seit
Anfang dieses Jahres die Ehe ohne Standesamt möglich ist. Die Abschaffung
des Verbots der religiösen Voraustrauung wird besonders für Migrantinnen
gefährlich. Viele Migrantinnen werden sich uninformiert hier nach religiösem
Ritus verheiraten lassen müssen, ohne zu wissen, dass sich daraus keinerlei
Rechte ableiten. Denn die Ehe ohne Standesamt zieht keine zivilen Rechte
nach sich, z.B. auch kein eigenes Aufenthaltsrecht. Das hat diese Gesellschaft
erlaubt! Unfassbar.
Man kann sich vorstellen, wie viele Migrantinnen nichts über ihre Rechte
wissen. Das dürft Ihr nicht klein reden! Und Aufklärungspolitik wird es nur
13 Siehe dazu Ȇber die Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in
der Welt. Schreiben der Kongregation für die Glaubenslehre an die Bischöfe der
Katholischen Kirche«, 31.05.2004, abrufbar: http://www.vatican.va/roman_curia
/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_20040731_collaboration_ge.
html, 04.02.2009; »Ansprache an das Kardinalskollegium und die Mitglieder der
römischen Kurie beim Weihnachtsempfang«, 22.12.2008, abrufbar: http://
www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/speeches/2008/december/documents/
hf_ben-xvi_spe_20081222_curia-romana_ge.html, 22.12.2008.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik