Seite - 491 - in Der Stoff, aus dem Konflikte sind - Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Bild der Seite - 491 -
Text der Seite - 491 -
KONFLIKTE UM DER FREIHEIT WILLEN SIND UNUMGÄNGLICH
491
geben, wenn es eine Anspruchspflicht gibt. Wenn man den Anspruch wirklich
formuliert und den Staat dazu zwingt, alle Menschen, die einwandern, in ihrer
eigenen Sprache über die Rechtslage in Deutschland aufzuklären. Aber das
kostet Geld. Und daran scheiterte es bisher in der Realität.
Sabine Berghahn: Aber geht es in der ›Kopftuchdebatte‹ nicht ausschließlich
um Lehrerinnen? Muss nicht genau berücksichtigt werden, um was bzw. wen
es eigentlich geht? Und müssen wir nicht aufpassen, irgendwelche Quintes-
senzen von einem Themengebiet nicht auf ein ganz anderes undifferenziert zu
übertragen?
Halina Bendkowski: Nein, denn man kann zu Recht skeptisch sein, wenn
derartig engagiert von Eltern bzw. Vätern die Unterordnung von Mädchen ge-
fordert und massiv umgesetzt wird. Mir geht es um diese sozialen Zurichtun-
gen. Und wegen dieser Zurichtungen bin ich auch für ein Kopftuchverbot für
Schülerinnen.
Natürlich muss jeder verantwortlich denkende Mensch die ›Kopftuch-
debatte‹ in der Komplexität debattieren, die sie beinhaltet. Aber es ist zu banal
zu sagen, es sei nur ein Stück Tuch. Gerade weil es symbolisch aufgeladen
wurde, und zwar von allen Seiten, muss man die Symbolik, die dahinter steht,
thematisieren – und zwar überall, wo man die Chance und die Möglichkeit
dazu hat. Nur damit kann man denjenigen helfen, die Unterstützung brauchen.
Eine Laisser-faire Haltung oder eine Liberalität dient nur der allgemeinen
Beruhigung. Aber es gibt allen Grund beunruhigt zu sein.
Sabine Berghahn: In Berlin gab es vor kurzem eine Debatte über die
Broschüre »Mit Kopftuch außen vor«.14 In dieser Broschüre werden Fälle von
Diskriminierung von Kopftuch tragenden Frauen unter anderem in der Privat-
wirtschaft dargestellt. Diese Diskriminierungen werden auf das in Berlin
geltende so genannte ›Neutralitätsgesetz‹ zurückgeführt. D.h. die Privatwirt-
schaft nimmt das nur für den öffentlichen Dienst geltende Gesetz zum Anlass,
Frauen und Mädchen mit Kopftuch den Zugang zu Ausbildungs- und Ar-
beitsplätzen zu verweigern. Damit ist genau das eingetreten, was Du doch
vermeiden wollest, dass sich die sozialen Chancen derjenigen, die sich so-
wieso schon in einer schwachen Position befinden, noch weiter verschlechtert
haben.
Halina Bendkowski: Erstens sehe ich hier in meiner Umgebung in allen
türkischen Geschäften, dass alle jungen Mädchen ein Kopftuch tragen. Die
14 ›Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales, Landesstelle für Gleich-
behandlung – gegen Diskriminierung‹ (Hg.) (2008): »Mit Kopftuch außen
vor?«, abrufbar: http://www.berlin.de/lb/ads/studien/index.htm, 23.12.2008.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik