Seite - 492 - in Der Stoff, aus dem Konflikte sind - Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
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SABINE BERGHAHN/PETRA ROSTOCK/HALINA BENDKOWSKI
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Männer tragen nichts, was sie als Muslime kennzeichnen würde. Wenn die
einen sich so westlich kleiden dürfen und die anderen nicht, dann liegen doch
schon ein paar feministische Gedanken nahe.
Zweitens war ich in dieser Debatte echt erstaunt: Ich habe noch nie so
viele Männer erlebt, die sich um die Freiheit der Frau, sich zu verhüllen, Ge-
danken gemacht haben. Noch nie vorher habe ich so viele ›engagierte‹ Bei-
träge von Männern zur ›Frauenemanzipation‹ gelesen.
Die Diskriminierungen, die Du jetzt ansprichst, kann ich mir gerade in
Clubs gut vorstellen, die hip sein wollen, da werden Frauen mit Kopftuch
wahrscheinlich nicht gerne gesehen. Oder Frauen mit Kopftuch gelten als
ganz besonders hip. Bei Ärzten ist mir das Phänomen auch vertraut. Ich kenne
auch einige Ärztinnen in Berlin, die keine Sprechstundenhilfen mit Kopftuch
einstellen wollen, weil sie kein Signal aussenden wollen. Gleichzeitig kenne
ich auch welche, die gerade Sprechstundenhilfen mit Kopftuch einstellen,
weil sie türkische Frauen als Klientinnen haben wollen. Es gibt diesbezüglich
die unterschiedlichsten Variationen. Aber ich finde es einen gemeinen Trick,
den Ihr schon am Anfang angewendet habt, mir zu sagen, ich würde mich an
der Diskriminierung selbstbewusster, sich verhüllender, sich in Schutt und
Asche kleidender Frauen beteiligen, weil die etwas anderes wollen als ich.
Damit wird das Problem doch von hinten aufgezäumt. Beide Formen der
Selbstzurichtung von Frauen, im einen Extrem sich als ›Huren‹ zu kleiden
und sich im anderen Extrem völlig zu verhüllen, dürfen nicht darin unter-
schätzt werden, was sie in der Selbstinszenierung der Beteiligten dann be-
deuten. Diejenigen, die sich denken, jetzt werde ich es dieser Scheißgesell-
schaft aber mal zeigen, indem ich ein Kopftuch trage – ich verstehe schon,
dass das ein gewisses Protestpotential hat. Auch bei den anderen, die re-
voltieren und sich denken, jetzt lasse ich die Titten eben ganz raushängen.
Aber ich finde, es darf nicht verharmlost werden, dass es Zurichtungen des
weiblichen Körpers sind.
Sabine Berghahn: Aber sind Verbote auf einer gesetzlichen und hoch staats-
politischen Ebene darauf die richtige Reaktion? Auch aus pädagogischer Sicht
ist doch eigentlich klar, dass Verbote die involvierten Emotionen nur ver-
stärken und eine Trotzhaltung hervorrufen. Und gerade die Frauen, die mög-
licherweise zum Kopftuch gezwungen werden, werden durch die Verbote
doch an ihre Familien zurückverwiesen. Insofern erzeugt man mit Verboten
eher eine ›Solidarität mit dem Aggressor‹, wie Du es bezeichnet hast. Deshalb
halte ich die Verbote allesamt für völlig kontraproduktiv!
Halina Bendkowski: Das kannst Du nicht sagen. Denn das haben wir doch bei
unserem Aufruf gemerkt, dass es ganz viele türkische Frauen gibt, die wollen,
dass diese Gesellschaft sich mehr für ihre Rechte einsetzt. Die wollen, dass
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik