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drücken und nach aufwärts zu gewinnen suchen, was ihm nuten für seine baulichen
Bedürfnisse zum Wohnen und Hantiren an Raum, an Sonne, Luft und Licht gebrach.
Man mußte mit einem Worte anstatt wie anderorts auf bequemerem Boden nebeneinander
hier unter zweifachem Drucke übereiuauder bauen. So entstand das vielgeschmähte alt-
salzburgische Bürgerhaus; sein nach außen zurückhaltendes, nach innen gekehrtes Wesen,
seine Giebelverachtung, sein Aufstreben in voller Masse zu ungewöhnlicher Höhe, endlich die
für mannigfachen Gebranch der Bewohner dienende Plattform des Daches findet darin die
Erklärung. Das Haus gestaltete sich weder architektonisch noch rechtlich betrachtet zu einer
Einheit, sondern zn einem Sammelbegrifse von Stockwerken, deren jedes als selbständiges
Besitzobject seinen eigenen Herrn haben konnte und vielfach wirklich hatte, zum Theil
«och heute hat. Unterbau und Dachung sind gemeinschaftlich, alles Übrige in horizontaler
Schichtung getheilt. Daß das complieirte Verhältniß zn mancher Irrung Anlaß gibt uud
uameutlich deu baulichen Fortschritt gewaltig hindert, liegt ans der Hand. Man geht ihm
darum schon seit Jahren nicht ohne Erfolg zu Leibe, doch ist es zu tief und fest gewurzelt,
um sein volles Verschwinden so bald hoffen zn dürfen.
Wolf Dietrichs energische Banresormeu konnten auch auf die geschilderte Entwicklung
der bürgerlichen Bauweise in Salzburg nicht ohne Einfluß bleiben. Je mehr des Raumes
seine neugeschaffenen Plätze nnd seine grandiosen Baute» im Herzen der Stadt wegnahmen,
desto spärlicher und enger wurde er für das Bürgerthnm. Dieses sah sich zum Theil, wie
schon erwähnt, gegen die Peripherie, gewiß aber ebenso dem gewohnten Zuge folgend
gegen die Höhe gedrängt. Die alten Bürgerhäuser erhielte» um dieselbe Zeit ihre letzte,
im Wesentlichen bis heute bewahrte Gestatt. So wurde Salzburg binnen wenigen Jahr
zehnten aus eiuer Stadt des Mittelalters eine Stadt der Renaissance und Erzbischof Wolf
Dietrich war deren Schöpfer. Das Viele n»d Große, das seine Nachfolger schufen, war
im Grnnde nur Fortwirkung seiner Jmpnlse, Ergänzung und Bollendnug seiiies Werkes.
Die Baute» Wolf Dietrichs waren durchaus uoch im Stile der Hoch- nnd Spät-
renaissanee gehalten, mit ruhigen, klaren Linien, großen Flächen, maßvollen?, meist sogar
ziemlich magerein plastischen Ornament. Auch seine nächsten Nachfolger bis über die Mitte
des XVIl. Jahrhunderts bliebe» in ihren Bauwerken, dem ueueu Dom voran, dieser Stilart
treu. Erst um 167t) kam ans dem kirchlichen wie profanen Baufelde das bewegtere und
üppigere Barock, eiu halbes Jahrhundert später, um 1720, das Roeoco in seiner reizenden
Zügellosigkeit zum vollen Durchbruche. Keines natürlich im Sprunge; es ist interessant
und bei den ansehnlichen Banobjecten, die jede dieser Epochen in Salzburg auf kleinen
Raum zusammengedrängt hinterließ, auch leichter als iu großen Städten, die mannigfachen
Wendungen, Übergänge, Fort- und Rückschritte der Slilbewegung zu verfolgen. Das
Rococo behauptete seine Herrschaft bis zum letzten souveränen Erzbischof Hieronhmns
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Buch Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild - Oberösterreich und Salzburg, Band 6"
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Oberösterreich und Salzburg, Band 6
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Oberösterreich und Salzburg
- Band
- 6
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1889
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 17.03 x 24.86 cm
- Seiten
- 650
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch