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keiner Eisenbahn berührten Theilen, beinahe in ihrer ganzen Urwüchsigkeit erhalten. So
namentlich das sehr interessante Hochzeitsbitterthnm.
In anderen Theilen des Alföld taugt schon jeder beliebige Mann, der Soldat
gewesen ist und .reAuwm" versteht, zum Hochzeitsbitter und macht „Mode" nach eigenem
Geschmack und Gedanken, zu arger Schädigung der interessanten nnd ehrwürdigen alten
Branche. In sehr viele» Ortschaften der Nylr jedoch besteht das Hochzeitsbitterthum uoch
im alten Glänze. Es ist dies ein wohlehrbares Amt, das eine eigene Schulung erfordert,
und diese zu erlangen ist nicht leicht, daher sie sich auch meist vom Vater auf den Sohn
vererbt. Ein richtiger Hochzeitsbitter sagt nicht einmal „guteu Morgen" in Prosa, auf
Alles hat er einen »i-i^mus" (Rhythnms Vers). Unter seinen spitzfindig ersonnenen
Hochzeitsgedichten sind die interessantesten: das Begrüßnngscarmen im Bräutigamshaus,
das Lebewohl an deu Bräutigam, die Begrüßung im Brauthaus, die Einladung an den
Geistlichen, das Tüchleinbitten, der Tüchleindank, das Lebewohl an die Braut beim Gang
zur Trauung und bei der Rückkehr, die Begrüßung beim Eintritt mit der Brant, die
Ansage der Abendtafel, der Abendgruß mit der Brant, dann die Verse beim Auftragen der
Getränke und Speisen, bei jeder Schüssel besonders, beim EinHeben des „Grützgeldes",
desgleichen über die Musikanten, das Geschenk der Brant, das Geschenk der Brantführerin
und der Brautjungfer u. s. w. Diese Reimreden sind bald länger, bald kürzer, doch kommen
darunter sehr lange vor, z. B. der Gruß der Braut, der 34 Strophen beträgt; abwechselnd
sind sie ernst, ja von religiöser Tendenz, oder heiter und belustigend.
Lieder und Märchen sind bei dem Volke sehr beliebt, in jeder Ortschaft gibt es
gewandte Erzähler; neue Lieder und Sagen jedoch entstehen jetzt nur uoch selten, als hätte
die Neuzeit die Dichterkraft des Volkes gebrochen.
Im Bauen und Wohnen, in Hauseinrichtung und Tracht unterscheidet sich das Volk
von Szabolcs und der Nylr wenig von dem des Alföld. Einst in der „Leinwandzeit"
konnte man wohl noch die Frau der Nyirgegend an ihrem selbstgesponnenen nnd gewebten
faltenlosen Leinwandrock erkenueu, sowie deu Mann an seinem mit „Matyiqnasten"
geschmückten Gnbamantel, jetzt aber sind diese Erzeugnisse der Proviuziudustrie größten-
theils verdrängt und nur hier uud da ganz selten zu erblicken.
Um so auffallender sind iu manchen Theilen der Nylr, besonders in Kis-Värda nnd
Umgegend, die mit dem Bild des Mondes verzierten Grabmäler. Diese Holzsäulen sind,
abweichend vou den zugespitzten, götzenbildartigen Kopfhölzern des Alföld nnd den gleichsam
betnrbanten Grabmälern im Pester Eomitat, rundbogig geformt nnd im Rundbogen über
der Grabschrift mit der Figur des wachsende» oder abnehmenden Mondes verziert. Die
Bedentnng dieser Mondsignren weiß das Volk selbst nicht mehr, bringt sie aber immer
wieder an, um der von Geschlecht ans Geschlecht fortgeerbten Sitte zn entsprechen. Manche
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (2), Band 9
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Ungarn (2)
- Band
- 9
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1891
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.56 x 21.98 cm
- Seiten
- 682
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch