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Sitz eines königlichen Gerichtshofes, eines Bezirksgerichts und des landwirthschaftlichen
Vereins für das Szatmärer Comitat.
Die Bevölkerung von Szatmär-Nemeti besteht zumeist aus Gewerbetreibenden,
Landwirthen und Kaufleuten. Man findet aber auch alle drei Lebensberufe in eigenthüm-
licher Weise bei den zahlreichen Szatmärer Gewerbslenten vereinigt. Die volksthümlichen
ungarischen Handwerkszweige haben in Szatmär eine bedeutende geschichtliche Vergangen-
heit. Und obgleich die Entwicklung der Fabriks- nnd Großindustrie ihnen den Krieg erklärt
hat und sie zu angestrengter Concurrenz zwingt, blühen sie noch immer und decken den
täglichen Bedarf eines ausgedehnten Bezirkes.
Der Gewerbsmann von Szatmär ist zugleich Kaufmann uud Landwirth. Er
erwartet den Käufer und Besteller nicht in seiner Werkstatt, sondern bringt die Erzeugnisse
seines Gewerbes auf den Markt, die Stätte des Massenverkaufs. Als Verkaufsplätze
dieuteu in früherer Zeit die auf dem Marktplatz aus Holz errichtete» Buden, neuerdings
aber, etwa seit vierzig bis fünfzig Jahren, haben die Gewerbevereine der Schuster, Gerber
und Gnbaschneider auf dem Markt oder in der Nähe desselben in vortheilhaftester Lage
wahre Paläste aufgeführt, dereu Oberstock als Waarenhalle die Verkaufsstände enthält.
Doch verkauft der Szatmärer Gewerbsmann seine Waare immerhin auch anderwärts.
Im Umkreise von acht bis zehn Meilen, in Ugoesa, dem Avas, Bereg, Märamaros und
der Gegend von Nagy-Bänya, gibt es keinen Jahrmarkt, ans dem der Gewerbsmann von
Szatmär uud Nagy-Käroly nicht mit seinem Wagen voll Kisten erscheint, um seine Stiefeln
und Gubamäutel feilzubieten. Er weiß ganz genau, was für Stiefel jede Gegend braucht
und wie die Guba nach Farbe und Schnitt da und dort beschaffen sein muß. Er weiß es,
wo er die gefältelten uud wo er die nicht gefältelten, gewalkten Stiefeln anbringen wird.
Er weiß, daß die Leute der Szatmärer Gegend eine Guba brauchen, über deren unteren
Rand die Ärmel hinabreichen, daß auf dem Erdöhat, gegen die drei Paläd Kölcse und
Milota hin, die weiße, in Märamaros aber die doppeltgekämmte Guba begehrt ist, während
er mit der hübscheren zartlockigen Guba dorthin geht, wo ungarische adelige Bursche in
größerer Anzahl wohnen. Bei diesen wird das Meisterstück des Gnbaschneiders, die zierlich
gelockte schwarze Gnba hoch geschätzt. Die Frauen aber tragen, die localen Unterschiede
abgerechnet, im Allgemeinen weiße Gnbas, während die Männer mehr die granliche,
sogenannte Kranich-Gnba bevorzugen. So beherrscht die Szatmärer Industrie die Volks-
tracht iu einem bedeutenden Gebiete des Landes, indem sie ihr zu dienen weiß. Denn nur
hier und da, zum Beispiel in Feher-Gyarmat und Matoles, trägt man an Ort und Stelle
gefertigte graue Gubamäutel.
Durch diese fortwährenden Reifen und Marktfahrten, sowie den Verkauf aus erster
Haud vermag das Geschäft des ungarischen Kleingewerbsmannes sich zu erhalten, macht
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (2), Band 9
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Ungarn (2)
- Band
- 9
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1891
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.56 x 21.98 cm
- Seiten
- 682
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch