Seite - 385 - in Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild - Ungarn (2), Band 9
Bild der Seite - 385 -
Text der Seite - 385 -
385
entstand die Stadt, die damals begreiflicherweise noch klein war und einfach „Värad"
genannt wurde, später aber zur Unterscheidung den Vornameu „Bihar" und in der Folge
„Nagy" (Groß) erhielt. Ihre Größe erwuchs aus der Asche des heiligen Königs.
Sobald König Ladislans der Heilige in Bärad bestattet worden, wurde dieses ein
ansehnlicher Wallfahrtsort, die heilige Stadt des mittelalterlichen Ungarn. Das Grab
des heiligen Königs machte es dazu und die Pietät der Nation für dieses Grab.
St. Ladislans war einer der volksthümlichsteu Könige der Ungarn, das Ideal der
Religiosität und der nationalen Tugenden. Was die Nation Gutes, Schönes und Edles
in sich fühlte, alles das sah sie iu ihm verherrlicht. Sie umgab seine Gestalt mit einem
ganzen Kreis der schönsten Legenden und man suchte ihn selbst in seinem Grabe auf mit
der doppelten Schwärmerei der Gläubigen und der Patrioten.
An Hauptfeiertagen, besonders am St. Ladislans-Tage, der ein Festtag für das
ganze Land war, strömten dahin zu Tausenden die Wallfahrer selbst ans den fernsten
Gegenden des Landes, ja vom Auslande her; sogar gekrönte Häupter kamen, der Polen-
könig Wladislaw z. B., der von Debreezin bis Värad zu Fuße bis zum Grab des gekrönten
Heiligen pilgerte. Den Schlußact bei der Krönung der ungarischen Könige aus dem Hause
Arpäd und deu gemischten Häusern war stets, daß sie mit ihrem ganzen Gefolge dieses
Grab besuchten, und auch weuu das gauze Land von Freude oder Leid getroffen war,
gingen sie dahin, um dort deu Kummer oder die Freude ihres Herzens auszuschütten.
Selbst der Tod erschien ihnen süßer, wenn sie ihr Grab, wie die Chroniken sagen, zu
Füße» des heiligen Königs finden konnten. Könige und Staudesherren wählten sich dort
ihre Begräbnißstätten uud die Kathedrale vou Värad füllte sich dermaßeu mit fürstlichen
Särgen, daß das alte Lied mit Recht von St. Ladislaus sagen konnte:
„Um dich in der Runde da ruhen Kaiser,
Bischöfe und Könige und Herren von Hörigen."
Alle diese religiösen und nationalen Freuden- oder Trauerfeste stärkte» einerseits
die neuen christlichen Glaubensgrundsätze, Gebräuche und Sitten, förderten aber ander-
seits auch mächtig die Bildung und den Wohlstand der Stadt. Die fürstlichen Besuche
uud die Wallfahrte» des Volkes vou feruher lockten Kanflente und Gewerbetreibende
herbei und schon im XIII. Jahrhundert sehen wir Värad als einen der besuchtesten Märkte.
Auch kamen die Besucher des heiligen Königsgrabes nicht mit leeren Händen. Selbst der
Ärmste brachte wenigstens eine Wachskerze, die Reichen aber goldene und silberne Gefäße,
mit Perlen und Edelgestein reich besetzte Kirchengewänder, orientalische Teppiche, Seiden-
uud Sammtgewebe und so fort. Die ungarischen Könige und Magnaten aber, so die
Mitglieder der Geschlechter Aba uud Borsa, legten ans St. Ladislans' Altar Donations-
briese über ganze Domänen nieder. Dergestalt gelangte der Bischofsstnhl und das Kapitel
Ungarn II. 25
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (2), Band 9
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Ungarn (2)
- Band
- 9
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1891
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.56 x 21.98 cm
- Seiten
- 682
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch