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Und, wenn wir schon die öffentlichen Gastmäler erwähnt haben, dürfen auch die
ihnen verwandten Bälle nicht Übergängen werden. Anch die öffentlichen Bälle in Budapest
sind zumeist mit irgend einem wohlthätigen Zwecke verbunden. Der besuchteste unter ihnen
pflegt der Juristenball zu sein, dann folgen die Bälle der Mediziner, der Techniker, der
Architekten. Der glänzendste aber ist der Athletenball. An diesem kann jedoch nnr ein mit
besonderer Einladung beehrtes Pnbliknm theilnehmen. Ferner gibt es durch wohlthätige
Vereine veranstaltete Calieo-Bälle (wo kein Mensch Calieo trägt) und Maskenbälle (wo
kein Mensch maskirt ist). Da kann denn Jedermann erscheinen, der elegant gekleidet ist.
Endlich gibt es Maskenbälle sür das große Pnbliknm, wo die Eleganz des Anznges nicht
Bedingung ist und die Unterhaltung gauz zwanglos vor sich geht. Tiefe Bälle werde»
sast sämmtlich in den Sälen der großen Redoute abgehalten. Die hohe Aristokratie aber
pflegt in ihren eigenen Palästen oder den Sälen des Nativnalcafinos geschlossene Tanz-
unterhaltuugeu zu veranstalten, welche blos den obersten Hundert der obersten Zehntausend
der Gesellschaft zugänglich sind.
Im Fafchiug häugt übrigens der gauze Himmel voll Geigen, nnd wer den Becher
bis ans den Grund und dessen Hefe zu leeren liebt, kann im Zeitraum eiuer Stunde von
dem Eliteball der Redoute nach den Tanzsalons der Porstädte fahren und so den
ethnographischen Unterschied studiren, der sich iu den Sitten der nämlicheu Race zeigt,
wenn sie sich unter zwei verschiedenen Meridianen entwickelt haben.
Es gibt aber keine Unterhaltung, keinen Ball, kein Banket ohne Zigeuuermufik. Ein
Primgeiger, zwei zweite, eine Baßgeige, ein Ktariuet und eiu Eymbalfpieler, damit ist
die Bande vollständig. Trompete, Fagott, Flöte, Trommel, Triangel fehlen. Und diese
Zigenuerbanden stehen nicht nur iu der Hauptstadt, fouderu auch in den Provinzstädten
aus jener Höhe der iutelleetuelleu Ausbildung, wie sie Musiker zu habeu pflegen. Sie
kennen die Noten, spiele« aber zumeist nach ihrem seiueu Gehör uud ohue Noten, so zwar,
daß eine solche Zigeuuerbaude nach einmaligem Hören eine neue Melodie spielen wird.
Sie habe» das gauze Repertoire im Kopse: Hunderte von nationalen Volksliedern, die
„schweigenden Weisen", die altmagyarischen Melodien, dazn noch verschiedene Köuigs-
hymucn, die österreichische, englische, rnssische, deutsche, den Räkvezymarsch und die
Marseillaise, die älteste« und neuesten Walzer, ganze Opernabschnitte und spielen das
Alles auf einen Wink des Primas sofort mit voller Evrreetheit. Ihr Gedächtniß, ihr
musikalisches Gefühl find erstaunlich. Tritt ein wohlbekannter Protektor unversehens in die
Zechgesellschaft oder das Gasthaus, so begrüßeu sie ihu sogleich mit „meinem Lied" (das
heißt dem des Patrons). Der Primas selbst ist ein vorzüglicher Geigenvirtuose, der sich
kühu mit so manchem berühmten Eoncertspieler messen könnte. Dabei ist er anch noch
ein gutcr Kamerad. Er pokulirt geuau so wie der Hausherr, betriukt sich aber niemals.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Band 12
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Ungarn (3)
- Band
- 12
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1893
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.49 x 21.91 cm
- Seiten
- 626
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch