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vv» ailgesehenen Bürgern getragenen Himmel; seiner Begleitung schließen sich auch die
katholischen Regiernngsmitglieder und Magnaten, sowie die obersten Beamten der
Hauptstadt an.
Der ganze Festzug begiebt sich nach der Garnisonskirche, wo der Fürstprimas die
glänzende Messe celebrirt, gehoben dnrch das herrliche, von einem Chöre hauptstädtischer
Bürger und Damen vorgetragene Oratorium. Den Beschluß des Gottesdienstes bildet
eiue Predigt von patriotischer Richtung uud gehobenem Geiste, wobei der Redner den
König, das Vaterland nnd die Christenheit segnet. Sodann kehrt der Zng nach der Burg'
kapelle zurück, wv der Deckel des Reliqnicnschreincs gehoben wird und der Fürstprimas
der deu ganzen Platz überslutenden Menge die königliche Rechte zeigt. Zu diesem
Nationalfeste Pflegen aus allen Theilen des Landes Hunderttansende von Besuchern
zusammenzuströmen. Das Gesetz des Jahres 1891 über die Arbeitsfeier an Sonn- und
Festtagen hat deu Tag König Stephans des Heiligen znm allgemeinen Nativnalfest
erhoben, welches Hinsort jede Confession dnrch Arbeitsruhe zu begehen hat.
Cin ebenso allgemein gefeiertes Toppelfest der Pietät sind in Budapest die Tage
Allerseelen nnd Allerheil igen. Da bevölkern sich die Friedhöfe nnd die Gräber
bedecken sich mit Blumen; Reich und Arm beeilt sich, seinen Theuren den Kranz des
trenen Gedeukeus hinauszutragen; abends erblinken aus den Grabhügeln die Lämpchen
nnd Wachslichte als Sinnbilder des ewigen Lichtes, und der ganze Gottesacker erscheint
als ein mit Sternen bestreuter großer Garteu. Die durch die Hauptstadt und das Laud
errichtete» prächtigen Mausoleen von Lndwig Batthyäny nnd Franz Deäk sind mit
aller Pracht geschmückt und beleuchtet, uud bis spät iu deu Abeud hiueiu sind sie von
dichten Menschenmassen besucht, vom Morgen bis zum Abend kommen die Körperschaften
mit ihren Kränzen herangezogen, die Scharen der Universitätshörer, welche die Gräber
der großen Todten der Nation bekränzen nnd an ihnen begeisternde Gedächtnißreden
halten nnd nationale Hymueu absiugeu. Und der Reihe nach erscheinen noch andere
Körperschaften, die Gräber ihrer Todten zu besuche«: Schauspieler, Geselleuvereiue,
Arbeiter, Feuerwehrleute, Gesaugsvereiue, die in Budapest wohueudeu Polen; alle strömen
sie an diesem Tage nach dem Friedhofe, nm das Andenken ihrer theuren Hingeschiedenen
zn erntnern. Jeiie prächtigen Leichenbegängnisse aber, mit denen die Nation diesen nnd
jenen ihrer großen Todten an die letzte Ruhestätte geleitet, sie gestalten sich, von dem in
der Borhalle des Akademiepalastes aufgestellten Katafalk bis zum Friedhofe vor der
Kerepeferstraße, zu eiuer Reihe ergreifender Bilder von Trauerpomp und imposanter
Theilnahme der Masseu, wobei es als schönster Zug des Volkscharakters gelten darf, daß
das ganze große Publikum feiueu unvergeßlichen Todten in dichter, geschlossener Menge
zu Fuße durch die Stadt bis an das Grab geleitet.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Band 12
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Ungarn (3)
- Band
- 12
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1893
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.49 x 21.91 cm
- Seiten
- 626
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch