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der verschiedenen Stadttheile, ja sogar nach Volksclassen und Beschästignngsfächern
organisirte Geselligkeitsvereine. Ferner die Vereine der Athleten und Feuerwehren, die
Rettungsgesellschaft, die Schriftsteller- und Künstlerclubs, das ,0ttk<zn« (Daheim) der
Schriftsteller uud Journalisten uud insbesondere auch Parteiclubs. Die Schießstätte
behauptet noch ihrcu alteu Ruf, doch liest man nicht mehr ihre regelmäßigen Ausweise
in den Zeitungen; die Gesangsvereine wirken nnr im Extravillan und die uuisvrmirteu
Veteranenvereine siud zum eiusacheu Begräbnißgefolge herabgesuukeu.
Übrigens ist das Budapester Publikum sehr für Schaustellungen eingenommen.
Bei Anwesenheit des Hofes ist das Thor des königlichen Schlosses, in den Stunden der
Auffahrten find die beiden Brückenköpfe stets von Volksmengen umlagert; selbst vor dem
Thore des Reichstagsgebäudes drüugeu sich Neugierige, welche die Berühmtheiten zu
sehen wünsche». Der Reichstag selbst übt eine große Anziehungskraft aus und die Gallerien
sind stets vollgepfropft mit Besuchern aus alleu Stände».
Kommt dann die Zeit dcr Abgeordnetenwahl heran, so ist plötzlich jeder Verein
ein politischer Club. Kein Kaffeehans, kein Gasthaus, wo nicht die Partei des einen vdcr
anderen Candidaten ihr Lager aufschlüge uud dies über der Thüre durch Aussteckuug der
groszeu Nationalfahne mit dem Namen des Candidaten knndgäbe.
Schon sechs Wochen vor der Wahl geht die Arbeit au. Die angesehensten Bürger
des Wahlbezirks richten durch Maueranschläge ciueu Ausruf au die Parteigenossen, sich
am nächsten Souutag zahlreich iu dem angegebenen Versammlungsräume eiuzufiuden.
Dort wird der Ausschuß dcr Hundert gewählt, der den Austrag erhält, sich in fünf-
undzwanzig Kutsche« zn dem hervorragenden Mauue zu begebcu, dem die Partei ihr
Vertrauen zugewendet hat, und ihn znr Annahme der Candidatur einzuladen. Der große
Mann leistet der ehrenvollen Anffordernug Folge, kehrt mit dem Ausschuß'dcr Hundert
an den Versammlungsort zurück uud erklärt, er würde sich glücklich schätzen, auf dem
künftigen Reichstage der Dolmetsch der Gefühle dieses Wahlbezirkes seiu zu köuucu.
Mittlcrwcilc sind dcr Präsident, die beiden Vieepräsidcutcu, drei Schriftführer und der
Cafficr gewählt worden, der Letztere, um die Koste» der versassuttgsmäßigeu Thätigkeit
zu decken. Die erforderliche Summe ist alsbald gezeichnet. Die Kosten der Wahl werden
durch Parteigenossen getragen. Die erste Ausgabe verursacht die Anschaffung von hundert,
zweihundert, fünfhundert Fahnen mit dem Namen des Candidaten. Jedem Hausbesitzer
ist es zur Pflicht gemacht, zu einem Bodenfenster feines Hauses eiue solche Fahne heraus-
zustecken. Nun wird für den kommenden Sonntag die Generalversammlung anberaumt,
wo der Caudidat seine Programmrede halten soll. Einstweilen hat sich aber auch die
Gegcupartci schon organisirt uud auf ciucu audcrcu Platz oder iu ciueu anderen Saal
eine Versammlung einberufen. Zn der Gcncralvcrfammlnng wird der Candidat schon mit
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Band 12
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Ungarn (3)
- Band
- 12
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1893
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.49 x 21.91 cm
- Seiten
- 626
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch