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hundert Wage» abgeholt, und nebe» jedem Kutscher sitzt ein Mitbürger mit flatternder
Fahne. Die Leute ans der Straße rufen, je nach der Parteistelluug, entweder dem im
Wagen sitzenden großen Manne oder seinem Gegner Eljen. Die Prvgrammrede wird
nnter großer Begeisterung gehalten, sie dauert mindestens eine Stunde. Tarauf begleitet
das gauze Publikum seinen Candidaten nach Hause, wobei oftmals beide Parteien sich
anf der Straße begegnen. Aber Niemand beleidigt den Gegner, man rnft blos dem
eigenen Candidaten Eljen zn nnd zahlt dann, wie viel Wagen denn Jene gehabt haben.
Bei dem nächsten Aufzug wird man mit noch einmal so viel ausrücken. Anf den folgenden
Sonntag wird das große Parteiessen zn fünfhundert Gedecken anberaumt. Das darf nicht
etwa in die Rubrik des „Zu Essen nnd zn Trinken Gebens" gerechnet werde», denn der
hauptstädtische Wahlbürger tafelt auf eigene Kosten und dort ist der „geehrte Candidat"
nicht Gastgeber, sondern Gast.
Aber auch die Zwischenzeit verfließt nicht thatenlos. Jede Straßenecke uud Haus-
mauer, jedes Baugerüst wird mit Zetteln, die den Candidaten leben lassen, und klafter-
hohen Aufrufen beklebt. Ist die Farbe des einen Candidaten roth, so nimmt der andere
grün; anch Federn in diesen Farben trägt jeder Wähler am Hnte und die Ausschuß-
mitglieder überdies uoch eine Kokarde im Knopfloch. — Unterdessen wird in allen Kaffee-
nud Wirthshäusern nach Kräften „capaeitirt". Da wird zu jeder List, Vorspiegelung,
Einschüchterung gegriffen, um die Schwankenden „herüberzuziehen". Anständige Herren
sagen sich mitunter Grobheiten, die zn anderen Zeiten ein Duell nach sich ziehen würden.
Jetzt ist ebeu Alles gestattet. Bäter uud Söhue, Gatten und Gattiuueu geratheu daheim iu
Streit. Es wird aber keine Enterbnng uud keine Ehescheidung daraus. Jetzt ist Alles erlaubt.
Die Partei orgauisirt sich. Jede Gasse ist iu Corporalszüge eingetheilt; ein Mann
ist für zehn verantwortlich, die er beisammenzuhalten und „hereinzubringen" hat. Bei dem
großen Bauket werden begeisterte Triukfprüche ausgebracht, dereu jeder eiue Programm-
rede ist. Die Zeitungen der Partei füllen sich damit an. Die Prvgraminreden aber werden
im Drnck veröffentlicht und, meistens mit dem Bildniß des Candidaten versehen, nach allen
Richtungen unentgeltlich vertheilt. Es wird ein ständiges Amt errichtet, das eine regelrechte
Statistik der Wähler aufstellt: wer hierher, wer dorthin gehöre, was Dieser, was Jener
gesagt habe, wer auf die Einzelnen einwirken könnte, um sie zu gewiuueu. Jede Partei
kommt denn auch zu dem erfreulichen Ergebniß, daß sie sicher siege» werde, uud zwar »m
mindestens zehu Stimme». Wähler aber gibt es Tausende und Tausende! Noch eine
Programmrede muß der Eaudidat halte», »m das, was der Gegeneandidat in seiner
Rede gesagt hat, »»schädlich zu machen. Hierauf hält natürlich auch der Gegeueaudidat
eine Gegenrede, die seine Stellung nenerdings befestigt. Dann folgt eine Tanzunterhaltung,
wo der Caudidat sich auszeichnen muß, da die Damen von großem Einflnß ans die Wahlen
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Band 12
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Ungarn (3)
- Band
- 12
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1893
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.49 x 21.91 cm
- Seiten
- 626
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch