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Heiligen-Figuren verzierten reichen Königsmantel um die Schultern. Der Kirchenchor sang
dazu die von Franz Liszt eomponirte Krönungsmesse.
Als der gekrönte König sich vom Altarschemel erhob, begrüßte der ungarische
Ministerpräsident den gesalbten Herrscher mit dreifachem Eljenrnfe, der in der Kirche
tausendfachen Wiederhall fand; aber das Eljen drang auch hinaus auf die Straße und
jubelte dann fort durch die ganze Stadt. Nach dieser Ceremonie kehrten die Königin,
deren Schulter die Krone berührt hatte, und ihre erlauchten Kinder in die Hofburg zurück,
der gekrönte König aber begab sich mit den Großen des Reiches, von der Leibwache
begleitet, zu Fuße nach der St. Johanneskirche; die Straße war mit nationalfarbigem
Tuch überzogen. Der ungarische Finanzminister, der zu Pferde saß, warf aus zwei Beuteln
goldene und silberne Krönungsmünzen unter die Menge, die, nachdem der Festzug
vorübergeschritten, nach altem Herkommen sich auf das Tuch stürzte, das als Teppich
gedient hatte, und es mit Messern zu Andenken zerstückelte. In der St. Johanneskapelle
schlug der gekrönte König die durch seine Räthe vorgeschlagenen Notabilitäten mit dem
Schwerte St. Stesans zu „Rittern vom goldenen Sporn".
Und nun begann der Auszug zur verfassungsmäßigen Eidesleistung: von dem
Ofner Wasserthor, die Albrechtstraße herab, über die Kettenbrücke bis zum Schwurplatze.
Voran ritten die Husaren, hinter ihnen die Hoffouriere in Scharlach gekleidet, dann die
Stabträger in Gala. Der Reihe nach folgten die Banderien der Comitate in allerlei
Prunkgewändern von mittelalterlichem Zuschnitt, mit umgeworfenen Mentes und kurzen
Wolfspelzen, Adler- und Reiherfedern an den Kalpags; in gestickten Dolmänys aus der
Zeit Maria Theresias und mit „Skofinm" (Goldfäden) ausgenähten Zrinyi-Mentes,
Comitatsfahnen in der Hand; dann wieder Edelknaben in goldbesetztem, rothem Gewand.
Nun kamen die Großen des Landes! Die Magnaten, die Bannerherren, in den kostbarsten
Prachtgewändern, auf Vollblutpferden, die Mitglieder der Ritterorden in vollem Ornat;
dann die bannertragenden Herren, deren jeder eines jener Seidenbanner aufgepflanzt
hatte, welche die Wappen der jetzt oder ehemals zum Reiche des Königs von Ungarn
gehörenden Vafallenländer zeigten. Inmitten allein der Herold des Königreichs Ungarn,
in breitrandigem federngeschmückten Hut und Wappenkleid, den Heroldstab in der Hand;
der oberste Landrichter s^uckex euiiae) mit dem Reichsscepter, der Banns von Kroatien
mit dem Reichsapfel, dann die verantwortlichen Minister, und nun wieder die Erzherzoge,
zuletzt ein Bischof mit dem Doppelkreuz, sämmtlich zu Pferde. Und nun kam auf schnee-
weißem Rosse der König gezogen, die Krone Stefan des Heiligen auf dem Haupte,
dessen Mantel um die Schultern, dessen Schwert an der Seite. Ihm folgte der Episcopat,
sämmtliche Bischöfe zu Pferde, in vollem kirchlichen Ornat, ihre Pferde von Pagen geführt.
Und so lang der Weg war von der St. Johanneskirche in Ofen bis zum Pfarrplatze in
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Band 12
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Ungarn (3)
- Band
- 12
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1893
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.49 x 21.91 cm
- Seiten
- 626
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch