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gerade von dichterischem Leben und Feuer durchdrungen sind, erkennt man ein gewisses
Streben des Dichters, Leidenschaften zu malen.
Über den Verfasser des Gedichtes ist man noch nicht einig. Aron Szilädy tritt für
Pelbart von Temesvär ein, den Franciscanermöuch, der unter König Matthias der
berühmteste Kanzelredner und Schriftsteller war. Er ist der erste ungarische Theologe,
dessen Schriften in ganz Europa bekannt werden. Seine großen Werke, die Sermones äe
Lanctis ?omerii, Sermones <ie tempore, Lermones czuaäraZesimales waren nicht nur
in Ungarn, sondern überall in der civilisirten Welt hoch geschätzt. Sie dienten den
ungarischen Legendenschreibern als Quellen, wie denn Pelbart offenbar von außer-
ordentlichem Einfluß auf seine Zeit gewesen ist. Entgegen der neuen Richtung der
Renaissance trat er als hervorragender Meister der älteren mittelalterlich-religiösen
Richtung auf und fast alle Prediger seiner Zeit kamen bei ihm zu lernen. Er schrieb seine
Werke, wie er selbst sagt, „in einfacher, der einfältigen Sprechweise des Volkes unserer
Heimat angemessener Rede", und hielt sich insbesondere den Zustand des Landes vor
Augen. Daher seine ungeheure Wirkung, die den Gegensatz zwischen Humanismus und
ungarischem Nationalgeist so scharf hervortreten ließ. So gilt uns Pelbart vom Standpunkt
der allgemeinen Enltnr für eine Persönlichkeit von ungewöhnlicher Bedeutung; vom rein
nationalen und ästhetischen Gesichtspunkt aber dürfen wir auch jeue Bruchstücke der mittel-
alterlichen Literatur Ungarns nicht unerwähnt lassen, die sich in lyrischer oder epischer
Form mit einem nationalen König oder einer Begebenheit im Vaterlande beschäftigen. Jene
zeigen die Idee des Katholizismus in engstem Zusammenhang mit den Ideen des
ungarischen Patriotismus uud Königthums; diesen ist es mehr darum zu thun, Beispiele
nationalen Heldenmuthes aufzustellen. In diesen nationalen Gesängen spielt die Jungfrau
Maria eine kaum geringere Rolle als in den Sagen des Mittelalters. „Die Jungfrau
Maria, als Schutzfrau Ungarns, ist" — wie Gynlai schreibt — „gleicherweise Gegenstand
der religiösen wie der patriotischen Verehrung. Ihr Bild weht auf den Fahnen Ungarns und
der Patriot fleht zu ihr, als zur Wiedererweckeriu der Todten, Verderberin der Feinde, guten
Beratherin der Könige und Schützerin der Magyaren." Außer ihr sind noch „St. Stesan
und St. Ladislans nationale Schutzpatrone, Helden des christlichen Glaubens wie des
nationalen Ruhmes". Beide sind in Hymnen verewigt, die noch jetzt in den Kirchen
erschallen. Von Ladislans dem Heiligen singen im XV. Jahrhundert zwei Hymnen, die
aber gewiß beide nur Echos aus noch älterer Zeit sind. Der magyarische Rhythmus pulsirt
in ihnen hier und da in größter Reinheit, wie sie sich nur in den neuerdings gesammelten
Szekler-Balladen wiederfindet. So in dem „Gesang vom heiligen König Ladislans":
Rein du an Körper, glänzend die Seele, Nannten darum dich Läszlö den Tapfern,
Tapfer im Herzen, wie der wilde Lene; Als du ein Kindlein annoch gewesen.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Band 12
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Ungarn (3)
- Band
- 12
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1893
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.49 x 21.91 cm
- Seiten
- 626
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch