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verspricht seinem Beichtiger hundert Gira Silber, worauf dieser sich bereit erklärt, ihn vou
allen seinen Sünden sofort zu absolviren. Als Drama ist das Werk von geringem Werth,
aber als ein mit den schärfsten Zügen gemaltes Charakterbild hat es in der ungarische»
Literatur kaum seinesgleichen. Nicht nur daß seine Personen, besonders Balassi selbst,
vorzüglich gezeichnet sind, auch die Dialoge sind lebendig, die Sprache ist zutreffend, stark
und charakteristisch. Die Personen sprechen die Sprache des Lebens, was der vorzüglichste
Beweis für das Talent des Schriftstellers ist.
Die Lyrik dieses Jahrhunderts, so reich sie ist, ist nicht reicher als die Epik desselben,
die beinahe alle Erzählungen des alten Testaments, den Stoff der europäischen Sagen und
Novellen, der Kesta klomanorum, die Fabelsammlungeu Aesops und der Deutschen, die
„Historien" der classischen Welt und einen ganzen Vorrath vaterländischer Begebenheiten
aufgegriffen hat, um sie eilends, größtentheils in gereimter Form, ans Licht zu setzen. Die
epischen Erzähler sind theils directe Nachkommen der einstigen mittelalterlichen Geschichten-
sänger, theils trockene Chronikenschreiber, die an ihrem Gegenstand nichts verschönern
wollen. Hier seien von ihnen nur diejenigen erwähnt, welche vaterländische Stoffe ver-
arbeiten oder sogenannte „schöne Historien" schreiben. Unter jenen gebührt dem Sebastian
Tinödi unser besonderes Interesse. Er ist im XVI. Jahrhundert der tüchtigste Vertreter
des erzählenden Epos, beziehungsweise der Reimchronik, und wurde durch die Kriegsläufe
früh auf den Kampfplatz getrieben, wo er Augenzeuge der meisten besungenen Ereignisse
ward. Mit seiner Leier zog er von Burg zu Burg uud sang die „Historie von
Siebenbürgen", den „Untergang von Szegedin", den Heldentod oder aufopfernden
Kampf eines Szondy, Dobö, Lofonczh, das Schicksal seines einstigen guten Herrn, des in
Gefangenschaft geschleppten Valentin Török, oder er verspottete die Trunkenbolde uud die
protzigen Hofrichter, die ihn nicht besonders gerne sahen. Als gestaltender Dichter kann Tinödi
kanm in Betracht kommen, als ein Dichter jedoch, der die Einzelheiten der Ereignisse seiner
Zeit gewissenhaft erkundete und mit glühender Vaterlandsliebe, mit moralischem Muthe nicht
müde ward, die gewaltthätigen und parteiwüthigen Magnaten im Namen des Vaterlandes
zu ermähnen, abzukanzeln, zu Eintracht und Gemeinsinn anzueiferu, hat er ohue Zweifel
Anspruch auf einen vornehmen Platz unter den Poeten seiner Zeit. Er ist vielleicht der einzige
unter den ungarischen Schriftstellern desXVI. Jahrhunderts, der, obgleich eifriger Protestant,
nicht unduldsam wird, weil sein Patriotismus uoch stärker ist als seine religiöse Überzeugung.
Ihm schwebte nur ein wirkliches Ziel vor: die Znrückgewinnnng der Selbständigkeit
Ungarns, die Vereinigung des zerstückelten Landes, uud er war Feind der Deutschen wie der
Türken, da er von beiden gleiche Gefahr für die Freiheit des nationalen Lebens befürchtete.
Unter den Verfassern von „schönen Historien" findet sich keine so merkwürdige
Gestalt, obgleich sie an dichterischer Begabung Tinödi sämmtlich überragen. Zn ihnen
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Band 12
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Ungarn (3)
- Band
- 12
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1893
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.49 x 21.91 cm
- Seiten
- 626
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch