Seite - 273 - in Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild - Ungarn (3), Band 12
Bild der Seite - 273 -
Text der Seite - 273 -
273
dauert über ein halbes Jahrhundert; in der ungarischen Literatur pflegt sie die Zeit des
Niederganges zu heißen, weil kein Zweig der Dichtung einen neuen Aufschwung zeigen
will. Nur der ungarischen Prosa erstehen neue Meister, die, im Ausland von Keinem
gelesen, die ungarische Prosa zu einer Stufe erheben, auf der sie noch heute als Muster
dient. Diese Meister sind: Clemens Mikes vonZägon und Franz Faludi . Der eine
ist der vorzüglichste Humorist der alten ungarischen Literatur, der andere ihr bester Moralist.
Der eine hat sein Leben zum großen Theil in der Verbannung, in der Türkei, zu Rodosto
am Gestade des Marmara-Meeres verbracht, der andere in Italien als Jesuit. Mikes'
Origiualwerk, die „Briefe aus der Türkei" (l'ürökorsöäAi levelok), Faludis Über-
setzungen: „Der Edelmann", „Die Edeldame", „Der Edelknabe", „Der Hofmann", „Der
weise Mann" n. f. w. waren von großem Einfluß auf die Entwicklung der ungarischen
Prosa.
Mikes sucht die Langweile der Verbannung in einer Reihe von Briefen, die er
an eine fiugirte Tante schreibt, zu vergessen; in diesen Briefen erzählt er die Umstände
der Auswanderung Räkvczys, er erweckt seine siebenbürgischen Erinnerungen, schildert die
gesellschaftlichen und politischen Zustände der Türkei, das Alles anfangs mit der naiven
Begeisterung eines jugendlichen Herzens, später mit dem schärferen Blick und Humor des
Mannes, dann gegen Ende seines Lebens, da ihm die Religion noch den einzigen Trost
gewährt, mit ergreifender Entsagung. Sein Ton ist überall aufrichtig und ungesucht. Der
Adel und die Empfänglichkeit seines Herzens, sein milder Humor, seine religiöse Selbst-
bescheidung, seine treue Anhänglichkeit für Räköczy und die Sehnsucht nach dem Vater-
lande, kurz, seine ganze innere Welt äußert sich im Tone der Wahrheit und Aufrichtigkeit,
und dieser Ton verleiht seiner Prosa eine Frische und Lebendigkeit, welche den Stil
keinen Augenblick ermatten und schleppend werden läßt. Kein ungarisches Buch in Prosa
versinnlicht die Übergänge der menschlichen Lebensalter so künstlerisch schön als Mikes'
Briefe, die in ihrer Art noch von keinem ungarischen Schriftsteller erreicht sind.
In Mikes' „Briefen aus der Türkei", die wirklich classischen Werthes sind,
haben recht eigentlich die volksthümliche und die ältere Sprache ein künstlerisches Gewand
angethan, bei Faludi dagegen sieht man „die Offenbarung des nenernden, bereichernden
Talents". Die Ideen, durch welche Faludi auf seine Zeit zu wirken wünscht, sind der
italienischen und englischen Literatur entlehnt, doch weiß er diejenigen, die sich auf ungarische
Zustände beziehen, so vorzutragen, als hätten sie sich ihm aus unmittelbarer Erfahrung
ergeben. Er weist durch seine Werke auf die Bewahrung und Vervollkommnung der
sittlichen Reinheit hin, und dieses unermüdliche Streben, zu dem ihn ein echt patriotisches
Gefühl antrieb, gibt Faludi die Weihe eines der bewußtesten Schriftsteller seiner Zeit, der
unter so unfruchtbaren Verhältnissen die Mittel der Wirkung mit denen der sprachlichen
Ungarn III. 18
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Band 12
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Ungarn (3)
- Band
- 12
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1893
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.49 x 21.91 cm
- Seiten
- 626
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch