Seite - 594 - in Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild - Tirol und Vorarlberg, Band 13
Bild der Seite - 594 -
Text der Seite - 594 -
594
Maurer und Taglöhuer sind schon alt und gereichen der Bevölkerung in volkswirtschaft-
licher Beziehung zum Vortheil, weil die Ausgewanderten alljährlich zur Winterszeit, mit
Ersparnissen versehen, in den Schoß der Familie zurückkehren. Beklageuswerth ist aber die
Thatsache, daß seit dem Jahre 1870 bereits mehr als 24.000 Personen aus diesem kleinen
Territorium dauernd ausgewandert sind, um sich in Amerika niederzulassen.
Der Mannigfaltigkeit der Bodencultur entspricht auch die Verschiedenartigkeit des
gewerblichen Betriebes in den verschiedenen Gegenden.
Die vorherrschende Armuth der Bevölkerung hat zur Folge, daß das Kleingewerbe
nicht zu einer gedeihlichen Entwicklung gelangen kann, während der ehemals blühende
Haupterwerbszweig des Landes, die Seidenzucht, infolge der Seidenraupenkrankheit
derart zurückgegangen ist, daß nurmehr wenige Etablissements sich mit der Verarbeitung
der Seide befassen können, deren Gesammtproductiou sich gegenwärtig nur auf 130.000
Kilogramm beziffern dürfte. Eines steten Aufschwungs erfreut sich infolge des günstigen
Einflusses der landwirtschaftlichen Lehranstalt von St. Michele die Weincultur, deren
Gesammtergebniß sich auf 150.000 Hektoliter jährlich beziffern dürfte, wovon ein großer
Theil nach der Schweiz und nach Deutschland exportirt wird. So lange Lombardo-
Venetien zu Österreich gehörte, standen im italienischen Theil Tirols mehrere Industrien,
insbesondere die Gerberei, Seidenweberei und die Papiersabricatiou, in Blüte. Seit der
Errichtung von Zollschranken an der Südgrenze sind diese Industriezweige, von ihrem
hauptsächlichen Absatzgebiete ausgeschlossen, zum Theile weit zurückgegangen, zum Theil
nur mit großen Anstrengungen im Stande sich zu erhalten. In neuester Zeit versucht man
es mit auerkennenswerthem Eifer, die Erzeugung von Schafwollwaaren emporzuheben,
sowie sich überhaupt hoffen läßt, daß beim Vorhandensein der wichtigsten Bedingungen
für das Aufblühen der Industrie, nämlich billiger Arbeits- und reicher Wasserkräfte, die
industrielle Thätigkeit sich noch weiter entwickeln wird. Einen wichtigen Industriezweig in
dieser Gegend bildet die Verarbeitung des reichlich vorhandenen vorzüglichen Marmors,
der in großen Quantitäten ausgeführt wird. Unter den Industriezweigen von geringerer
Bedeutung ist die Verarbeitung des Gyps im Fleimsthal, die Filzhutfabricatiou im
Ledrothal, das Nagelschmiedgewerbe im Rendenathal, die Verfertigung landwirth-
schastlicher Geräthe in Valfugana hervorzuheben. Es fehlen auch nicht die Faßbinder,
Hafner und Töpfer, Wachszieher, Käsereien, die Erzeugung von Kunstschmalz, die
Bereitung von Früchtenconserven. Alle diese Industriezweige haben fast nur locale
Bedeutung. Daß in den waldreichen Seitenthalgebieten die Holzindustrie eine gewisse
Bedeutung hat, ist selbstverständlich, jedoch kommt dieselbe jener in den übrigen Theilen
Tirols nicht gleich, weil die Gegenden zu weit vom Eisenbahnverkehr entfernt sind. Die
ehemals blühende Sumachiudustrie besteht noch in geringem Umfange. Auch die vorhandenen
zurück zum
Buch Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild - Tirol und Vorarlberg, Band 13"
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Tirol und Vorarlberg, Band 13
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Tirol und Vorarlberg
- Band
- 13
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1893
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 16.12 x 23.1 cm
- Seiten
- 624
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch