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und lieber mit seinen gelehrten und künstlerischen Liebhabereien als mit den Regierungs-
geschäften sich befaßte, überhaupt kühnen Entschlüssen und politischen Kämpfen abgeneigt
war. Doch zeigte sich schon in den ersten Jahrzehnten von Rudolfs Regierung wie
anderwärts auch in Böhmen, daß die katholische Partei, obwohl gering an Zahl, an
Einfluß und eifriger Thätigkeit zunehme.
Der Anstoß zu entscheidenden Wandlungen in den inneren Angelegenheiten Böhmens
kam vou außen durch den wieder ausgekrochenen Türkenkrieg. Schon unter Ferdinand I.
und Maximilian II. hatte sich Böhmen, da es mm einmal mit Ungarn unter demselben
Herrscher stand, der Stellung von Geld und Truppen zur Vertheidigung Ungarns gegen den
Erbfeind des christlichen Glaubens nicht entschlagen können. Freilich hatten sich die Stände
dabei immer verwahrt, daß ihre Leistung nicht etwa als eine pflichtmäßige angesehen
werden dürfe. In der Theorie galt Ungarn für die Böhmen noch immer als Ausland.
Unter Rudolf II. sollte sich aber zeigen, daß die ungarischen Angelegenheiten denn doch von
entscheidender Bedeutung auch für die Geschicke Böhmens werden konnten. Anfangs war
das Kriegsglück im Kampfe gegen die Türken dem Heere des Kaisers hold; in diese Zeit
fällt unter anderen die ruhmvolle Eroberung von Raab durch die christlichen Waffen.
Auch Siebenbürgen gelangte damals vorübergehend in den Besitz des Kaisers, dessen
Gebiet uuu das der Türken in Ungarn von drei Seiten umklammerte. Daun aber erfolgte
ein Rückschlag, hervorgerufen durch den Aufstand der Ungarn gegen den Kaiser unter
Stefan Bocskai und das Bündniß der Aufständischen mit den Türken. Veranlaßt aber
war dieser Aufstand hauptsächlich durch unglückliche Maßregeln des Kaisers selbst, die
wieder in dem Gesundheitszustand desselben ihre letzte Ursache hatten.
Seit 1600 wurde die schou vorher bemerkbare melancholische Gemüthsstimmung
Rudolfs II. immer bedenklicher. Aus Furcht, ermordet zu werden, vermied der Kaiser jedes
Erscheinen in der Öffentlichkeit, ja auch in seiner Burg zu Prag glaubte er sich nicht sicher
genug. Als seine Geistesstörung zunahm, mochte er in lichten Augenblicken selbst fühlen,
daß er eigentlich zur Führung der Regieruugsgeschäfte nicht mehr fähig sei; neben der
Furcht vor der Ermordung quälte ihn daher auch die Furcht, abgesetzt zu werden. Da er
besonders vornehme Personen seiner Umgebung in dieser Hinsicht in Verdacht hatte, so
verkehrte er von da an am liebsten mit ganz untergeordneten Leuten, Kammerdienern und
dergleichen, welche dadurch einen verhängnißvollen Einfluß auf die kaiserlichen Ent-
schließungen gewannen. Mit deu Regiernngsgeschäften, welche Rudolf II. nie besonders
geliebt hatte, befaßte er sich nun fast gar nicht mehr. Man hoffte, eine Abhilfe der daraus
entspringenden Ubelstäude herbeizuführen, indem man den Kaiser, an dessen Absetzung
man vorläufig nicht dachte, zu bewegen suchte, daß derselbe, da er kinderlos war, seinen
Bruder Erzherzog Matthias zu seinem Nachfolger erkläre, damit dieser unter dem Titel
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch