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eines römischen Königs thatsächlich die Regierung führen könne, ohne daß im übrigen das
Ansehen oder das Einkommen des Kaisers geschmälert würde. Aber die darauf gerichteten
Bemühungen steigerten nur die krankhafte Furcht des Kaisers; jeder seiner Räthe, der ihm
davon zu sprechen wagte, wurde entlassen.
So war der Geisteszustand Rudolfs II., als er den Befehl erließ, die bis dahin
protestantische Elisabethkirche in Kaschau dem Erlauer Domkapitel einzuräumen, und bald
darauf eigenmächtig den vom Reichstage in Preßburg beschlossenen 21 Artikeln einen
22. Artikel hinzufügte, in welchem er alle Verordnungen früherer Könige Ungarns zum
Schutze der katholischen Religion bestätigte und diejenigen mit den strengsten Strafen
bedrohte, welche künftig religiöse Gegenstände unter was immer für einem Vorwand in
öffentliche Verhandlungen verflechten würden.
Die Antwort darauf war ein allgemeiner Aufstand in Ungarn, zn dessen Unter-
drückung Rudolf II. weder die nöthige Thatkraft, noch auch die Mittel besaß. Trotzdem
wollte er in seiner krankhaften Verblendung von Nachgiebigkeit gegenüber den Aufständischen
nichts hören. Dies nöthigte die Prinzen seines Hauses, selbst die Leitung der Geschicke in
die Haud zu nehmeu, indem sie 1608 einen Vertrag schlössen, in welchem sie mit Rück-
sicht auf die Krankheit des Kaisers und seine dadurch Hervorgerufeue Uutauglichkeit
zur Regierung den Erzherzog Matthias zum Haupte der Dynastie erwählten. Matthias
war es denn auch, welcher an Rudolfs Stelle den Frieden mit den aufständischen Ungarn,
dann auch mit den Türken gegen verhältnißmäßig geringe Opfer zustande brachte.
Aber nun wollte Rudolf den ohne ihn getroffenen Vereinbarungen nicht zustimmen;
ein neuer Aufstand der Ungarn, dem anch der protestantische Adel der übrigen habs-
bnrgischen Länder sich anzuschließen Miene machte, stand in Aussicht. Da trat Erzherzog
Matthias, um zu retten, was sich noch retten ließ, selbst an die Spitze der Unzufriedenen
und begann den Krieg gegen seinen unglücklichen, übelberathenen Bruder. Der Ausgang
konnte nicht zweifelhaft sein, da Rudolf, damals kränker als je, fast gar keine Vorkehrungen
getroffen hatte, um dem Angriff zu begegnen. Matthias drang daher, ohne Widerstand
zu finden, mit seinem Heere zuerst in Mähren, dann in Böhmen ein. In Mähren hatten
sich ihm, wie zuvor in Österreich und Ungarn, die lutherischen Stände einmüthig ange-
schlossen, und Matthias erwartete daher mit gutem Grund das Gleiche von den Utraqnisten
in Böhmen. Aber als er in Easlau eintraf, wohin er die böhmischen Stände beschieden
hatte, fand er, daß Niemand seinem Rnse gefolgt war. Dagegen versammelten sich die
Stände über Aufforderung Rudolfs, den sie also noch immer als ihren rechtmäßigen
Herrn betrachteten, in Prag zum Landtage. Matthias, welcher unterdessen über Kolin nach
Böhmisch-Brod und zuletzt bis vor die Thore Prags vorgerückt war, hatte während des
Marsches ununterbrochen, aber vergeblich mit seinem kaiserlichen Bruder unterhandelt^ um
Böhmen. 20
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch