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diesen zur Thronentsagung zu bestimmen. Jedermann erkannte, daß unter solchen Um-
ständen die Haltung des böhmischen Landtages von entscheidender Bedeutung war. Rudolf
ließ sich daher durch das Zureden seiner Rathgeber bestimmen, den Landtag in Person zu
eröffnen, wodurch freilich nur offenknndig wurde, wie sehr sich in der langen Zurück-
gezogenheit das Befinden des Kaisers verschlimmert hatte. Bleich, zitternd und die Augen
zu Boden geschlagen, ging er hinter dem Schwerte her, das sein Stallmeister Herr von
Waldstein ihm vortrug; seine gekrümmte Haltung gab ihm den Anschein, als sei er höckerig,
sein Haar war grau geworden und sein ganzes Aussehen war das eines Greises, der dem
Tode zuwankte. Viele, die ihn sahen, brachen bei seinem Anblick in Thränen aus.
Das Mitleid, welches durch den Anblick Rudolfs erregt wurde, hinderte uicht, daß
auf dem Landtage die heftigsten Beschwerden gegen seine bisherige Regierung erhoben
wurden. Anderseits fanden freilich auch die Gesandten des Erzherzogs Matthias, welche
gekommen waren, um die Stände von Rudolf abwendig zn machen, doch kein Gehör, und
die Folge war, daß im Vertrage zu Lieben Matthias sich mit der Erwerbung der Neben-
länder Böhmens begnügen mußte, Böhmeu selbst also dem Kaiser blieb.
Aber die Anhänglichkeit der böhmischen Stände an Rudolf, welche sich iu diesen
Vorgängen kundzugeben schien, war keine uubediugte. Man erklärte sich für Rudolf,
aber nur unter der Voraussetzung, daß er, bedrängt wie er war, sich nicht weigern werde,
von nun an allen Beschwerden der Stände abzuhelfen und ihre Wünsche zu erfüllen.
Die Entscheidung darüber brachte der Landtag des Jahres 1609. Die Stände ver-
langten auf demselben die neuerliche Bestätigung der böhmischen Konfession aus dem Jahre
1575, vor Allem aber, daß das Consistorium und die Universität in ihre Verwaltung über-
geben würden. Aber Rudolf gab doch nicht so leicht nach, als die Stände erwartet haben
mochten, und der Landtag ging zunächst, ohne etwas erreicht zu haben, wieder auseinander.
Vier Wochen darauf versammelten sich jedoch die Stände, dem kaiserlichen Verbote trotzend,
von neuem; da ihnen verwehrt wurde, im königlichen Schlosse zu berathen, zogen sie, gefolgt
von ihrer zahlreichen und wohlbewaffneten Dienerschaft, zum Neustädter Rathhause, wo sie
ihre Verhandlungen fortsetzten. Unter großer Aufregung der Bevölkerung, die jeden
Augenblick den Ausbruch des offenen Kampfes zwischen dem Kaiser und den Ständen
erwartete, unterhandelten sie von hier mit Rudolf, bis dieser endlich doch wieder
gestattete, daß die Stände in das Prager Schloß, den regelmäßigen Versammlungsort
des Landtages, zurückkehrten. Noch zögerte der Kaiser einige Zeit, ehe er auch in den
übrigen Stücken nachgab; zuletzt blieb ihm aber doch nichts übrig, als das von den ntra-
qnistischen Ständen entworfene Privilegium, den später sogenannte» „Majestätsbrief",
fast ohne alle Änderung zu unterzeichnen (9. Juli 1609). Einige Tage darauf wurde das
Documeut unter maßlosem Jubel der Bevölkerung in das Altstädter Rathhaus gebracht.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch