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wogegen es freilich auch seine Fürsorge im reichsten Maße genoß. In Böhmen hatte die zeit-
genössische Literatur der Ausklärung, hatte die Thätigkeit der seit Jahrzehnten heimischen
Freimanerei und doch auch wohl der Einfluß wissenschaftlicher Erkenntniß, den die
Universität verbreitete, den Neuerungen Josefs II. auf religiösem Gebiete einen breiteren
Untergrund geschaffen als anderswo. Der Adel des Landes, nun natnralisirt, zeigte sich
wenigstens zum Theil den Ideen, welchen der Kaiser huldigte, zugethan und leistete nach
wie vor dem Gesammtstaate seine Dienste: trat er zuletzt zu Josef II. in Opposition, so
waren es weniger Verfafsnngssragen als materielle und gesellschaftliche Interessen, vor
Allem auch das Beispiel von anderswoher, das dazu Anlaß gab und ermnthigte. Von einer
cechisch-nationalen Bewegung aber gegen die Josefinischen Einrichtungen kann vollends
nicht gesprochen werden. Obwohl sich einzelne Stimmen zu Gunsten des slavischen
Idioms des Landes wie früher so jetzt vernehmen ließen, so fehlte es damals in Böhmen
den Cechen wie den Deutschen an jedem ausgesprochenen nationalen Bewußtsein, und was
noch davon vorhanden war, war nicht deutsch und nicht cechisch, sondern böhmisch und
österreichisch. Josef Dobrovsky, der bedeutendste Gelehrte Böhmens in jenen Tagen, ein
ausgezeichneter Forscher namentlich auf dem Gebiete der slavischen Sprachen, stand denn
auch noch den späteren Bemühungen um die Pflege des Cechischeu in Böhmen kalt und
fremd gegenüber und der Historiker I. M. Pelzel sagte 1791 den baldigen Untergang der
cechischen Sprache voraus. Wie er, so ist die gleichzeitige Geschichtschreibung Böhmens
erfüllt vom Lobe der Humanitären und auch der politischen Bestrebungen des Kaisers, ja
selbst seiner Bemühungen um die deutsche Staatssprache. Gelang dem Kaiser, urtheilt
Pelzel, die Erreichung seiner Ziele, so „würde aus dieser (politischen und sprachlichen)
Einheit aller österreichischen Erbvölker eine Macht und Stärke geflossen sein, die sie
abgesondert nie erreichen werden".
Nur insoweit, als des Kaisers das Gesammtgebiet des Staates in allen seinen
wichtigeren Lebensfunctionen umfassende Thätigkeit in Böhmen auf besondere Verhältnisse
traf und andere Folgen als in den übrigen Provinzen hervorrief, nur auf das, was
Josef für Böhmen allein that, bleibt hier Rücksicht zu nehmen.
In den Tagen Josefs II. sind bis auf wenige Formen die Reste der alten Auto-
nomie, Verfassung und Verwaltung Böhmens beseitigt worden und wurde die völlige
Gleichstellung des Königreiches mit den deutsch-österreichischen Erblanden thatsächlich
durchgeführt. Im Mai 1781 hatte der Kaiser noch die Stände berufen und ihnen den
Gesetzentwurf, betreffend die Aufhebung der persönlichen Unterthänigkeit (Leibeigenschaft),
vorgelegt. Daß die Stände sich beeiferten, dem Gesetz ihre Zustimmung zu geben, so
daß es bereits am 1. November 1781 pnblizirt werden konnte, vermochte sie nicht vor
einschneidenden Maßregeln des Kaisers gegen die Stände selbst zn schützen, da er in ihnen
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch