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auch durch seine Gesammtform ab. Der Schädel ist nicht nur länger, so daß der reine
Typus augenscheinlich schon dolichokephal war, mit einem Index unter 75, sondern mit
dieser Dolichokephalie verbinden sich neue Merkmale ebenso, wie sich auch mit der
Brachykephalie bestimmte Merkmale verbünde» vorfinden.
Am meisten ist hier die etwas fliehende Stirn bezeichnend und dann der kugelige
Hintertheil des Schädels, das sogenannte Oceiput, der jetzt dagegen typisch flach ist. Auch
das Gesicht zeigt bei ausgeprägten, durch Kreuzung nicht alterirten Schädeln sehr
bezeichnende Formen. Das Gesicht selbst ist lang (Dolichoprosopie), was auch relativ
hohe Orbitaleingänge, eine schmale oder halbschmale Nasenhöhle (Leptorhinie oder
Mesorhinie) mit sich bringt; die Jochbogen sind flach und liegen an, die alveolaren
Partien des Ober- und Unterkiefers und die Zähne stehen steil, aber auch ziemlich häufig
ein wenig hervorragend, das Kinn ist stark, aber beim Anblick von vorn hoch und spitzig.
Dr. Matiegka hat in seinen ,Oania dokemica" die Resultate der Messungen
von 110 Schädeln aus den Gräbern dieser slavischen Periode in Böhmen pnblicirt. Das
Verhältniß der Dolichokephalie und Brachykephalie war: 20 9 Procent zu 40 9 Procent.
Wenn wir aber dazu die später gefundenen Schädel aus den Grabstätten bei Zbnzany,
Levy Hradec, Leitmeritz, Repov, Libitz, Zelenitz n. A. berücksichtigen, ergeben sich 29 Procent
Dolichokephale zu 30 Procent Brachykephalen, also fast gleiche Zahlen.
Je weiter wir in der Vergangenheit zurückgehen, desto größer wird der Procentsatz
der dolichokephaleu Schädel: so in der sogenannten 1>u-1sne-Zeit, in der Hallstattzeit.
In der Steinzeit Böhmens ist ein kurzer Schädel eine große Seltenheit, gerade so wie
heutzutage ein langer, und immer wird nicht sicher, ob er nur eine individuelle Variation
des Typus vorstellt oder der Zeuge einer neuen Race ist, die damals in Europa aus-
tauchte. Die dolichokephaleu Schädel dieser Zeit unterscheiden sich freilich durch ihren Typus
ziemlich bestimmt von den langen Schädeln aus den Zeiten nach Chr. Sie sind oft
über die Maßen lang mit einem Index unter 70, das Gesicht und die Orbitaleingänge sind
oft niedrig, die Nase ist tief unter der Stirn eingedrückt, die durch starke Snpraorbital-
bogen charakterisirt ist; die Nafeuapertur und der Unterkiefer sind niedriger und breiter.
Wir sehen demnach in der Schädelbildung der Bevölkerung Böhmens einen voll-
ständigen Umschwung. Aus der dolichokephaleu Bevölkerung ist eine ausschließlich brachy-
kephale geworden, bei der die längere Form nurmehr eine Ausnahme bildet. Professor
Zuckerkand! legte auf dem Congreß in Wien 1889 folgende Übersichtstabelle der böhmischen
Schädel vor:
Tolichokephali Mesokephali Brachykephali
moderne . . — 17 5 Procent 82'5 Procent
prähistorische 571 Procent 191 „ 23 8 „
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch