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warm und flammt auf, namentlich wenn es sich um seine nationale Ehre handelt. Ein
sprechender Beweis dafür ist die Thatsache, daß es dreißig Jahre hindurch beharrlich
sammelte, bis es sein prächtiges Nationaltheater aufbaute, und daß es, nachdem jenes
kaum aufgebaut, ein Raub der Flammen geworden war, durch neue Sammlungen,
die in kurzer Zeit über eine Million Gulden ergaben, in zwei Jahren ein neues Theater
ausführte.
Sein Vaterland liebt der Böhme innig. Ein beinahe krankhaftes Heimweh erfaßt
ihn, wenn er außerhalb der Heimat weilt; vom Volke wird es „ckomäci nsmoe" (heimische
Krankheit) genannt. Wohl zieht er, wenn er daheim keinen Unterhalt findet, in die Fremde;
doch auch dort hört er nicht auf, sich nach seinem Vaterlande zu sehnen und nach seinen
Kräften ihm zu nützen, namentlich durch Sammlungen zum Zweck verschiedener National-
unternehmungen, wie es die Böhmen in Amerika beweisen, die massenhaft Böhmen und
besonders Prag besuchen, um wiederum ihre alte Heimat zu sehen und sie auch den Kindern
zu zeigen.
Das böhmische Volk hat einen religiösen, aber grübelnden Sinn und ist zäh in
seinen religiösen Überzeugungen. Aus dieser religiösen Grübelei, die manchmal sogar in
Schwärmerei überging, gingen in früheren Jahrhunderten, zur Zeit der Husitenkriege
und nach denselben, ja noch im achtzehnten Jahrhundert, als trotz aller Verbote und
Verfolgungen viele sich im Geheimen zur evangelischen, meist helvetischen Lehre und zu jener
der böhmischen Brüder bekannten und für sie, häufig einfache Bauern, ihr Gut und Alles
verließen und in die Verbannung gingen, die vielen religiösen Parteien und Secten
hervor, so daß in dieser Beziehung nicht leicht ein anderes Land, England und Schottland
ausgenommen, eine so mannigfache und interessante Geschichte hat. Doch selbst heutzutage
noch grübelt das böhmische Volk gern über ernste religiöse Fragen oder philosophirt
über die Predigt des Geistlichen (pan pater oder velebnieek) und über die Lectüre und
Auslegungen in der Postille. Typisch sind die Bibelsreuude (bidlüri oder pismäci) und
Bücherfreunde (eteoati), die freilich mit der zunehmenden Schulbildung allmälig verschwin-
den. Früher hatte fast jedes Dorf seinen urwüchsigen Philosophen, der sich eifrig mit der
Bibel (pisinäk) oder überhaupt mit Büchern (ötenät) beschäftigte und das Gelesene
auszulegen suchte. Das böhmische Volk liest überhaupt gern, besonders im Winter. Da
lesen entweder Einzelne für sich oder es lesen Vorleser, gewöhnlich ein gewandter Schüler
oder eine Schülerin, am Abend der ganzen Familie und dem Gesinde vor. In neuerer
Zeit haben auch Zeitungen in breitere Schichten Eingang gefunden, weil das Volk zum
großen Theil sich lebhaft mit politischen Fragen abgibt.
Als Landmann ist der Böhme emsig und erfinderisch. Seiner Gerätschaften
zum Ackern, seiner Pflüge der verschiedensten Art (Hackenpflüge, Räderpflüge n. a.),
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch