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am meisten aber seines Sturzpfluges, der ein Werk zweier Dorfbewohner, der Gebrüder
Veverka, ist, kann er sich mit Recht überall rühmen. Geistig ist das böhmische Volk sehr
begabt. Davon zeugt die stattliche Reihe von Gelehrten, die, oft aus dem Bauern-
stande oder aus einer kleinen Stadt hervorgehend, entweder zu Hause oder in der Fremde
die Wissenschaft bereicherten und zur Entfaltung der europäischen Cultur wesentlich und oft
entscheidend beitrugen. Nicht weniger bedeutend ist die künstlerische Begabung, namentlich
für Musik, wie sich dies im Volksliede nnd überhaupt in allen Produkten der Volksmuse
durch zahlreiche poetische Autodidaete und durch eine bedeutende Reihe aus dem Volke
hervorgehender Künstler zeigt. Davon umfaßt die größte Legion Tonkünstler, Componisten
nnd Musiker, die in der Fremde und zu Hause wirkten oder jetzt noch wirken, abgesehen
freilich von jenen zahlreichen Truppen wandernder „böhmischer Musikanten" (Sumaii),
denen wir selbst weit in der Fremde begegnen, in Rußland, Rumänien, in Egypten,
in Asien.
Für die Bildung überhaupt, wie für jedeu Fortschritt zeigt der Böhme lebhaften
Sinn. Dafür zeugt das Streben selbst armer Eltern, ihre Kinder in irgend etwas unterrichten
zu lassen, sie in die Schulen zu geben, um ihueu durch bessere Bildung eine bessere
Stellung zu sicher«. In die Hunderttausende gehen die Summen, welche böhmische
Gemeinden auf Mittelschulen verwenden, die sie auf eigene Kosten errichten, ein
sprechender Beweis ihres regen Sinnes für Bildung und Fortschritt. Die Ausdauer und
Findigkeit, die der Böhme bei der Arbeit bewährt, wobei er in seinen Bedürfnissen
bescheiden ist, sind allgemein anerkannt. Auch erfinderisch ist er, aber wenig unternehmend.
Daher erklärt es sich, daß die böhmisch-slavische Großindustrie, obgleich sie in letzter Zeit
sich bedeutend gehoben hat, doch nicht auf jener Stufe steht, auf der sie bei der Begabung des
böhmischen Volkes und selbst auch bei dem Vorhandensein nöthiger Mittel stehen könnte.
Der Böhme kann sparen, aber er zeigt sich auch aufgeräumt und lustig. Er singt
und tanzt gern. Sein Volkslied, innig gefühlt, zwar oft elegisch, nie aber besonders
düster, vielmehr oft launig, oft ironisch mit satirischen Seitenhieben, und seine Vorliebe
für helle Farben, namentlich bei der weiblichen Tracht, verrathen diesen fröhlichen
Charakter. Wie im Liede, so äußern sich Witz und Humor auch in Sprichwörtern und
Redensarten, in zahlreichen örtlichen Schimpfwörtern und in Erzählungen.
Der böhmische Bauer verkehrt mit dem Chalnpner oder Häusler wie ein Magnat.
Bei den Tanzunterhaltungen jetzt werden aber auch schon Bälle
gegeben) kommt am ehesten der „Furiant", der im böhmischen Dorfbewohner, besonders
im Bauer steckt, zum Vorschein. Dieser zeigt sich dann am meisten in stolzem Eigensinn;
er verursacht oft auch lange und kostspielige Processe, manchmal um eiuer unbedeutenden
Sache willen, obgleich man wiederum anch dem Böhmen nachsagt, daß er ihm zugefügtes
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch