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gemauerte niedrige mit platten Steinen bedeckte Terrasse hin (?äsep, nüsep, ?akrc>dek,
?übre2i, ^äprsen, ^ästönek), die zur Hausthür und zu den Stallungen führt. Diese Terrasse
ist manchmal in ihrem vorderen Theile von der Hausthür bis zur Front mit einer
niedrigen Bretterwand versehen, die sozusagen einen ebenerdigen Söller (pavlae) bildet.
Über der Terrasse erhebt sich oft ein Söller mit einem manchmal sehr zierlichen Kranzboden
und mit Säulchen, die nicht blos von der Fertigkeit, sondern auch vom Geschmack
des Dorfzimmermanns zeugen. Dieser hat manchmal zwischen den Capitälchen (Köpfen)
der Säulchen sogar auch halbkreisförmige Bogen, allerdings auch aus Holz, nachgeahmt.
Der Söller, ein für das böhmische Gebäude charakteristischer Theil, erscheint nicht blos
über der Terrasse, sondern je nach Zweckmäßigkeit auch sonst am Gebäude oder an seinem
Zubau (,vMupek"), der sich auf das Dach stützt und auf mächtigen Säulen ruht, oder
auch am Schüttboden.
Ein nicht minder charakteristischer Theil des böhmischen hölzernen Wohngebäudes
ist sein Giebel ,Stit« (Schild), .beckrv« (im Taborer Kreis), »pel-eiu« (im westlichen
Böhmen), zumeist jedoch ,lomenice* genannt, und zwar deßhalb, weil er durch mehrere
hölzerne Querleisten in mehrere Felder oder Flächen wie gebrochen erscheint. Am Giebel
haben vorzugsweise die Zimmerleute ihre Kunstfertigkeit und ihren Geschmack bewährt. Die
am reichsten gezierten Giebel finden wir bei alten Gebäuden. Querleisten, dann senkrechte
oder strahlenförmige Lücken, die symmetrisch in diesen Feldern angebracht sind und durch
Bogen oder durch einfache Capitälchen wie Säulchen verbunden sind, oder gezähnte
Lücken, die aus der Flüche hervortreten, ,kraM^° (Spitzen) genannt, geben dem Giebel
ein malerisches Aussehen. Dazu tragen auch im oberen Theile des Giebels in die Bretter
hineingeschnittene Bilder, hier eines Herzens, dort eines Sternes, nicht selten auch eines
Kelches oder auch von Vögeln bei.
Der Giebel wird, wie das ganze Gebäude, entweder gar nicht getüncht oder, falls
dieses weiß gestrichen ist, ist es auch bei jenem der Fall. Dann werden in manchen
Gegenden die Lücken schwarz angestrichen, wie auch die Fensterrahmen mit einer
lichtblauen Farbe. Die Fensterladen sind entweder einfach oder mit gemalten Blumen
geschmückt. Über den Gipfel des Giebels ragt aus dem Dachkamm ein kleines, gewöhnlich
rundes Schindelvordach, ,kÄbi'inec«, »kukla", genannt hervor. Auf dem
Vordach erhebt sich ein hölzerner Aufsatz „makvvice" (Mohnkopf), der da und dort die
Gestalt eines Kelches hat, oder die Wetterfahne .vr^ütko".
Am unteren Theile des Vordachs gegen das Innere zu befindet sich ein Bret
(,?äklox>a-, die Klappe), eine Art Denktafel. Darauf lesen wir irgend einen frommen
Spruch, darauf ist auch angegeben, von wem nnd wann das Haus gebaut wurde.
Solche mit Aufschristen versehene und mit gemalten Ornamenten und Blumen gezierte
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch