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Gelächter begleitet wird. Wem es gelingt, den Hahn zu erschlagen, der wird dann mit
Musik ins Wirthshaus geführt. — Nach der Kirchweih folgen kurze Tage und lange
Abende, die Feldarbeiten hören allmälig auf, es kommen die Hausarbeiten, namentlich das
Spinnen und Federnschleißen, an die Reihe.
Das Spinnen in den Spinnstuben (prästk^) hat sich jetzt nur noch in den
ärmeren Gegenden erhalten, wo der Flachs gedeiht und wohin die Spinnsabriken bisher
keinen Eingang gefunden haben. Die Spinnerinnen versammeln sich allabendlich in einem
verabredeten Gebände, wohin sie ihre Spinnrocken schaffen und wo sie den ganzen Winter
hindurch bis zum Aschermittwoch gemeinschaftlich Flachs spinnen. Häufig kommen auch die
jungen Burschen hin, um sich mit den Mädchen zu unterhalten. Da werden Lieder gesungen,
Märchen und allerlei Geschichten erzählt und Liebeshändel angeknüpft bis Mitternacht,
worauf sich die Mädchen in Begleitung der jungen Männer nach Hause begeben.
Einen Abschluß der Spinnperiode bildet die „lange Nacht" (cklvukä noc); in der zweiten
oder dritten Faschingswoche sehen die Spinnerinnen nach, welche von ihnen am meisten
Garn gesponnen hat; diese ist die Königin und muß den übrigen einen Schmaus geben.
Anch das Federnschleißen (cki-uni psl-i) gehört zu den wichtigeren Hausarbeiten
im Winter, denn die erste Sorge einer jeden Mutter ist, ihren Töchtern recht viel Feder-
betten in die Ausstattung geben zu können. Es wird nämlich einem Mädchen zur größten
Schmach angerechnet, wenn sie nicht einmal ein Federbett als Aussteuer bekommen hat.
Das Federnschleißen ist jedoch bei weitem nicht so unterhaltend als das Spinnen, weil
man sich dabei ruhig verhalten muß, um die Federn vom Tisch nicht wegzublasen; kein
Wunder daher, daß man dabei bald schläfrig wird.
Ohne uns bei den minder wichtigen Festen, als da sind: Allerseelentag (ckuSicek,
2. November; Gräberbesuch, Seeleulichter, Backwerk .äusiek)'-, das heißt Seelchen),
heiliger Mart ins tag (11.November; Winterprognose aus dem Brustbein der Martins-
gans, Backwerk»pocikovzl °, das heißt Hufeisen), heiliger Andreasabend (30. November;
Bleigießen und andere Orakel), heiliger Barbaratag (4. December; die Mädchen setzen
einen Kirschenzweig an einen warmen Ort ein und begießen ihn, damit er nmWeihnachten
blühe), heiliger Nikolaustag (K.December; in den Häusern geht derMikuläs, das ist
Nikolaus mit dem Teufel herum und beschenkt die braven Kinder) — länger aufzuhalten,
wenden wir uns dem poesiereichsten und anmuthigsten Jahresfest, den Weihnachten
(vünoce) zu. Die Weihnachtszeit beginnt mit dem heiligen Abend (stöckr^ vecer).
An diesem Tage (24. December) fasten selbst die kleinen Kinder, damit sie die goldenen
Schweinchen (?Iutä prssütka) sehen. Bei der Abendmahlzeit, an welcher nicht blos der
Hausvater mit der Familie, sondern auch das Gesinde theilnimmt, ist der Tisch mit weißem
Tischtuch gedeckt und unter den Speisen, welche aufgetragen werden, darf der Fisch und der
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Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch