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die ganze Nacht Wache und beten für die Seele des Verstorbenen. Dem Todten legt man
Heiligenbilder, ein Gebetbuch oder einen Rosenkranz, ein Kreuzchen und anderes,
namentlich aber eine Kerze, den Kamm, mit welchem er gekämmt wurde, in den Sarg bei.
Wenn die Leiche aus dem Hause hinausgetragen wird, soll man mit der Bahre an die
Schwelle dreimal anstoßen oder drei Kreuze machen, damit der Segen des Verstorbenen
im Hause bleibe. Die Bank, auf welcher die Leiche gelegen ist, wird mit den Stühlen
umgestürzt, damit man den Verstorbenen bald vergesse.
Stirbt eine Jungfrau, so wird ihr Sarg von Junggesellen, stirbt ein Junggeselle,
so wird dessen Sarg von Kranzeljnngsern zu Grabe getragen. Beim Hinablassen des
Sarges ins Grab wirft ein Jeder eine Handvoll Erde dreimal demselben nach, um so dem
Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Nach dem Begräbniß wird ein Schmaus gehalten.
Das slavische Volksschauspiel.
Der religiöse Sinn des eechischen Volkes in Böhmen bekundet sich auch in der Pflege
des volksthümlichen Schauspiels, welches sich in einigen Gegenden bis in die Siebziger-
Jahre in voller Frische erhalten hat. Hauptsächlich ist es die durch die Städte Eisenbrod,
Semil und Hochstadt begrenzte Gebirgsgegend, in welche sich die aus dem Mittelalter
stammende uud durch die Schauspiele der Jesuitenschulen verjüngte Volksmuse zurück-
gezogen hatte; Hauptsitze des Volksschauspieles waren die Ortschaften Lastibor und Boskov,
in jüngster Zeit auch Neudorf (Novä Ves) bei Hochstadt. Etwa iu den Fünfziger-Jahren
gab es wohl auch auf dem flachen Lande (kraj) ganze Ortschaften (z. B. Vitineves bei
Jiein), wo sich die Bewohner, meistens sogenannte Häusler, zu Schauspielertruppeu
vereinigten und während der Winterabende ihr Spiel einstndirten, um dann nach Ostern
in der Umgegend ihre Kunst zu produeireu. Auch in anderen Gegenden, bei Netolitz,
Prachatitz, Hohenmauth, Senftenberg u. f. w., sowie dort, wo sich in früherer Zeit der
Einfluß einer Jesuitenschule bemerkbar machte, blühten derartige Volksuuterhaltuugeu
lange fort und verschwanden erst allmälig mit dem Eindringen der modernen, das
Volksthümliche zersetzenden Cultur.
Solche dramatische Spiele, welche man als ein Geistesprodnct des böhmischen Volkes
aus der vorjosephinischen Periode ansehen kann, lassen sich wie anderwärts in vier
Gruppen absondern. Die erste bilden die „Weihnachtsspiele". Sie umfassen nicht nur
die evangelischen Begebenheiten der Adventszeit, sondern erstrecken sich gleich dem
mittelalterlichen Schauspiel über das ganze alte Testament, indem sie im sogenannten
„Paradiesspiel" die vorchristliche Zeit von Adam und Eva angefangen in gedrängter,
zumeist symbolischer Darstellung behandeln. In allen Gegenden des Landes hat sich bis
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch