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Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild - Böhmen (1), Band 14
Seite - 474 -
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474 Die naive Unbefangenheit, mit welcher das Volk seine Lieder schafft und singt, läßt es als selbstverständlich erscheinen, daß die Singweisen als großes Ganzes genommen dasselbe Gesammtbild des Nationaltemperamentes bilden wie die Texte. Charakteristisch für die gesammte böhmische Volksmusik ist zunächst der Reichthum an rythmischen Motiven, die bei all ihrer Mannigfaltigkeit — anch im Takt: die dreitheiligeu Taktarten haben das Übergewicht, ohne jedoch die zweitheiligen in den Hintergrund zu drängen — uud bei aller Freiheit und Abwechslung im Gliederbau der Melodien doch immer zu einem einheitlich fließenden Ganzen sich fügen. Die Einwirkung der natürlichen Rhythmik der böhmischen Sprache, in der Wortaceent und Silbendehnung sich durchaus nicht decken, vielmehr in ihrer gegenseitigen Unabhängigkeit eine unerschöpfliche Fülle rhythmischer Combinationen zulassen, macht sich hier jedenfalls geltend: sie hat den Volksgesang vor einförmiger Verflachung auf diesem Gebiete bewahrt und zu dem nationalen Gepräge der Singweisen wesentlich beigetragen. So fällt z. B. dem Musiker, selbst bei flüchtiger Durchsicht der 800 Melodien enthaltenden Sammlung Erbens, der interessante Umstand auf, daß das böhmische Lied im Grunde genommen keinen Anftakt kennt, sondern so gut wie durchwegs (die Ausnahmen sind geradezu verschwindend) mit dem schweren Takttheile anhebt: ruht ja doch der Accent des gesprochenen Wortes im Böhmischen auch stets auf dessen erster Silbe. Das Vur-Geschlecht herrscht im Volksgesang der Böhmen so sehr vor, daß die Hloll-Weisen nebst den gar nicht seltenen Nachklängen der mittelalterlichen Kirchentöne doch nur eiue kleine Minderheit bilden. Dagegen herrscht nahezu Parität zwischen den beiden Tongeschlechtern (natürlich wenn man die unserem jetzigen Our und kloll zwar verwandten, aber mit ihnen durchaus nicht identischen Tonleitern mitzählt) in den mährischen Volksliedern. Die Vergleichung der letzteren mit den böhmischen ist überhaupt von ganz besonderem Interesse. So mancher Gesang ist den slavischen Bewohnern beider Länder gemeinsam und weist hüben oder drüben höchstens unwesentliche Varianten auf; doch ist auf Seiten der Texte ohne Zweifel mehr des Gemeinsamen vorhanden als im Bereiche der Melodien. Zudem ist Mähren ethnographisch reich gegliedert und die konservativ fest- gehaltene Eigenart der einzelnen Stämme macht sich natürlich auch in ihren Volksliedern auf das entschiedenste geltend, während bei der längst zu einem einheitlichen Ganzen ver- schmolzenen slavischen Bevölkerung Böhmens die einstigen Stammesunterschiede unver- gleichlich schwächere Spuren hinterlassen haben. Daher bieten denn auch die böhmischen Singweisen nicht die bunte Mannigfaltigkeit der mährischen, aber die einzelnen sind formell besser durchgebildet, der abendländischen Knnstmusik mehr verwandt, ohne übrigens den slavischen Grundzug ihres Charakters zu verleugnen. Ein frisch pulsireuder, gar oft durch wirksame Acceute, in einzelnen Fällen sogar durch Taktwechsel belebter Rhythmus, auf den jedenfalls die bei den Böhmen stets mit
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Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild Böhmen (1), Band 14
Titel
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Untertitel
Böhmen (1)
Band
14
Herausgeber
Erzherzog Rudolf
Verlag
k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
Ort
Wien
Datum
1894
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
15.78 x 21.93 cm
Seiten
634
Schlagwörter
Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
Kategorien
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