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Vom Volksgesange ist die instrumentale Volksmusik nicht zu trennen. Zwar singt
das Volk zu Hause und auf der Heerstraße, in Feld und Wald seine einstimmigen Weisen
ohne alle Begleitung, aber beim Tanz in der Schenke, beim lustigen Hochzeitszug und
anderen festlichen Anlässen dürfen Spielleute nicht fehlen. Weit braucht man sie freilich
nicht zu suchen. Ist ja das musikalische Talent der Böhmen keineswegs auf den Gesang
beschränkt, vielmehr wird nicht minder die vorzügliche instrumentale Begabung selbst beim
Landvolke allgemein gerühmt. Selbst simple Dorfmusikanten, von denen man weder
technische Vollkommenheit, noch tiefere musikalische Bildung erwarten kann, Pflegen mit
einer instinctiven Verve, einer angeborenen Lebendigkeit des Vortrags zu spielen, die das
echte Musikantenblut verräth. Heutzutage sind freilich so manche einst volksthümliche Ton-
werkzeuge längst außer Übung gekommen, so daß uns nur noch spärliche Nachrichten oder
alte Miniaturen Aufschluß darüber geben; andere, wie der e)'indäl, das Hackbret, und
die <Zu6)-, der Dudelsack, begannen erst in unserm Jahrhundert der Geige, der Clarinette,
dem Flügelhorn n. s. w. zu weichen. Der Cymbäl ist eine Rarität geworden, der Dudelsack
hat wenigstens im westlichen und südlichen Böhmen noch einige Zufluchtsstätten und
kommt als letztes der alten Volksinstrumente zuweilen auch heute noch zu verdienter
Geltung. Übrigens hat auch die Volksphantasie auf dieses Instrument ihre verklärenden
Strahlen geworfen: die alte Geschichte von Svanda, dem Sackpfeifer von Strakonitz, der
durch sein Spiel und seinen Humor Alles entzückte und aufheiterte, so daß der populäre
Ausdruck für Jux (Svancka) angeblich von seinem Namen entlehnt ist, und der, nach einer
wie es scheint neueren Version, sogar dem Teufel und seinen Gesellen zum Tanz auf-
gespielt hat, gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Volkssagen.
Begreiflicherweise konnte unter solchen Umständen die Instrumentalmusik nicht
spurlos am Volksliede vorübergehen. Des Einflusses, welchen die Tanzmusik aus deu
Rhythmus der Lieder gehabt hat, wurde bereits gedacht. Hier handelt es sich aber direct
um das Tanzlied. Nicht immer wird nach einem gleich ursprünglich Vocalen Liede getanzt,
gar oft, vielleicht in den weitaus meisten Fällen singt man umgekehrt, wie schon erwähnt,
zu einer Melodie, die als instrumentales Tanzstück entstanden ist und zu der sich das tanz-
nnd singlustige junge Völkchen in der Dorfschenke bald einen Text improvisirt hat. Die
böhmischen Volksweisen verrathen zu so großem Theil ihre iustrumentale Abkunft, daß
man darin wohl mit Recht einen ihrer charakteristischen Züge erblickt, namentlich im
Vergleich mit den Volksgesängen anderer slavischen Stämme; daß dabei dem Dudelsack
eine wichtige Rolle zugefallen ist, konnte gar nicht ausbleiben. Der Lieder, die entweder
nach wirklichen Sackpfeifermelodien gesungen werden oder doch aus Sackpfeifermotiven
entstanden sind, gibt es eine erkleckliche Zahl; bei manchen besonders populären erfreut
sich das Volk mitunter, in Ermanglung des Instrumentes selbst, an einer den Dudelsack
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch