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Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild - Böhmen (1), Band 14
Seite - 481 -
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481 welche die Landbevölkerung mehr und mehr mit der städtischen, mit deren Sitten, Bedürf- nissen, Moden und Lebensweise in Berührung bringen und zur Nachahmung reizen: gleich Volkstrachten schwinden allmälig die Volkslieder. Endlich ist der Einfluß der modernen Schule nicht zu unterschätzen; wird in ihr der Gesang gepflegt, so drücken neue Weisen und ein neuer Charakter des Textes das urwüchsige alte Volkslied allmälig bei Seite. So konnte denn schonErben, als er für seine zweite Auflage auf neue Suche ausging, in den nördlichen Gegenden des Landes wahrnehmen, daß seit dem Jahre 1848 weniger gesungen werde. Jan Neruda versichert 1891, daß er vor zehnJahren zum letztenmal Schnitter auf dem Erntefeld habe singen hören, und derMährer Bartos prophezeite um dieselbe Zeit: „Mit der lebenden oder höchstens mit der kommenden Generation wird das Volkslied gänzlich schwinden." Und ebenso ist es mit dem nationalen Tanz. Das böhmische Volk, wie jedes andere, wird am Sonntag und auf der Kirchweih stets mit Lust und Freude tanzen, aber immer seltener seine alten urwüchsigen Tänze mit ihrer momentanen Erfindung und Variirnng, als vielmehr Tänze, die ihm sammt den Instrumenten und Noten aus der Stadt gebracht werden. Oh Dudelsack und Dudelsackpfeifer, im Bild seid ihr noch oft zu sehen, aber blos in einigen abgelegenen Landstrichen noch zu hören! So mancher .ckuckäk^ hat seine unter das alte Gerümpel geworfen und sich auf noblere Blas- oder Streichinstrumente eingeübt; vielleicht wird man in nicht gar zu ferner Zeit die »<Zu«Z^ nur mehr in Sammlungen zu sehen bekommen, wo man dem neugierigen Besucher beibringen wird: „Zu den Klängen dieses sonderbaren Musikinstrumentes hat das böhmische Volk durch Jahrhunderte seine Tänze und seine Lieder erfunden." Daß übrigens das Bewußtsein von der volksthümlichen Bedeutung der aussterbenden Sackpfeife auch heute noch unter den Böhmen ein sehr lebendiges ist, hat erst in jüngster Zeit das allgemeine sympathische Interesse gezeigt, welches den Sackpfeifern auf der Jubiläumsausstellung 1891 entgegengebracht wurde. Gleichwohl möchten wir dem böhmischen Volkslied nnd Tanz nicht geradezu das Todteulied singen. Ein liederreiches Volk wie das böhmische, das seit jeher einen vorzüglichen, ihm nicht etwa blos äußerlich anhaftenden, sondern tief in seinem inuersteu Wesen begründeten Musiksinn besessen, kann dieses Musiksinnes nie ganz verlustig werden. Wenn es sich auch nachgerade daran gewöhnt hat, für seinen Liederbedarf Berufsmusiker sorgen zu lassen, von der Eintagserscheinung des fahrenden Bänkelsängers an bis zn dem ernsten Eomponisten, dessen Tondichtungen es gelungen, im Herzen der Nation lebendigen Wiederhall zu finden, — völlig kann das angeborne Jmprovisationstalent ebensowenig verloren gehen wie die angeborne Sanges- und Tanzlust. Von der Erfindung neuer Texte zu vorhandenen Melodien, seien es die hergebrachten alten oder die kunstmäßig neueren, ist dies von vornherein klar; aber auch von neuen Tonweisen werden wir, wenn mir Volksfreunde auf die rechte Suche gehen, von Zeit zu Böhmen. 31
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Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild Böhmen (1), Band 14
Titel
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Untertitel
Böhmen (1)
Band
14
Herausgeber
Erzherzog Rudolf
Verlag
k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
Ort
Wien
Datum
1894
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
15.78 x 21.93 cm
Seiten
634
Schlagwörter
Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
Kategorien
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