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Der Egerländer ist durch seinen kernhaften, geschichtlich begründeten Heimatsstolz, der Erz-
gebirge? durch die oft der härtesten Noth und Entbehrung trotzende zähe und rührende Liebe
zu seinen auf den Höhen im Winter so unwirthlichen Heimatsbergen berühmt geworden. Im
übrigen thut sich der Bewohner der Erzgebirgszüge durch seine besondere Geschmeidigkeit,
Findigkeit und Geschicklichkeit hervor, die sich den ungünstigen Orts- und Wirthschafts-
verhältnissen anzubequemen weiß. „Klare Köpfe, feste Hände. Elasticität der Glieder,
leichter Sinn, Neigung zur Kunstfertigkeit, daran erkennt man die Erzgebirge?", urtheilte
der Volksschriftsteller Dr. Ferdinand Stamm, ein Kind des Erzgebirges wie Stifter des
Böhmerwaldes. Im Wesen ist einem großen Theile der Erzgebirgsbewohner, insbesondere
nächst den alten berühmten Erzbergwerk-Stätten und den neuerschlossenen Kohlen-
bergwerken, der Bergmannscharakter bis heute verblieben, der Fleiß und Ausdauer,
Genügsamkeit, Ehrlichkeit, Frömmigkeit und Aberglauben in sich schließt. Bei einem anderen
Theile tritt ein bemerkenswerther Kunstsinn hervor, der sich im Kunstgewerbe wie in Musik
und Bilduerei bethätigt und in manchem sehr Beachtenswerthes leistet. Ist der Land-
bewohner an der Ober- und Mittel-Eger vor Allem ein tüchtiger Bauer, so entwickelte sich
der Erzgebirge?, freilich auch unter der Nöthigung der Verhältnisse, zu einem wahren
Tausendkünstler. Er gräbt noch immer ein wenig nach Erzen, baut Korn, Flachs, Hafer,
so weit es eben hoch oben geht, treibt Waldarbeit, Handel und Verkehr aller Art, mitunter
auch ein wenig Pascherei, schmiedet Löffel, Messer und Gewehre (Weipert), betreibt Draht-
mühlen und Blechhämmer, klöppelt zarte und grobe Spitzen, dreht Schnüre, fertigt Gorl
und Handschuhe, drechselt und schnitzt die weitbekannten Holzspielwaaren, malt Bildchen,
reist als Wandermusikant (Preßnitzer Harfenisten) durch alle Welttheile u. s. w. Diese
vielseitige Beschäftigung hat auch den Charakter des Volkes in manchem beeinflußt, seine
Grundanlagen bis jetzt jedoch nicht verwischt, und es ist von Interesse zu bemerken, daß
selbst die am meisten im Verkehr mit anderen Gebieten stehenden Bewohner ihre heimatliche
Eigenart sich erhalten haben. Als besonders charakteristische Volksfiguren galten von jeher
(besonders bis zur Eröffnung der ersten Eisenbahnen in Nordwestböhmen, die dann den
Frachtenverkehr an sich zogen) die Reischdorser Fuhrleute, die Preßnitzer Harfe-
nisten (Wandermusikanten), die Sebastiansberger (Paßberger) Schweine- und
Gänsetreiber, welche den Überfluß Böhmens nach Sachsen verwertheten, die Bergknappen
(Joachimsthal), das Gorl-Mädchen (Gorl-Maad), der Rußbütten- und Wagenschmier-
mann n. a. m. Vor Allem ist der Reischdorser Fuhrmann, der früher fast ausschließlich den
Fracht- und Handelsverkehr zwischen dem Mittel-Egergebiete und dem Erzgebirge und
von Böhmen nach Sachsen in Getreide, Gurken, Obst u. s. w. vermittelte und weithin ob
seiner Ursprünglichkeit berühmt war, eine typische Haupt- und Kerngestalt des Erzgebirge-
Volksschlages, wenn er auch heute nicht mehr die frühere Bedeutung hat und meist nur noch
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch