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deren jede fast auch ihre Besonderheiten in der Erwerbs- und Volksthätigkeit hat und
auch meist eine gewisse Individualität in Sprache und Volksweise besitzt. Im Allgemeinen
ist festzustellen, daß, je höher und unfruchtbarer die Bodenlage wird, die gewerbliche und
industrielle Betriebsamkeit, Lebenskraft, Fähigkeit und Findigkeit der Bewohner des
deutschen Grenzgürtels Böhmens auch hier steigt, weil sie sich zu steigern genöthigt ist.
Eine bestimmte Individualität zeigt, wenn wir nach Osten fortschreiten, der Land-
strich und Volksschlag, der die Stadt Reichenberg zum Hauptplatz hat, der Jeschken-
Jsergan mit dem Friedländer Gebiete und in ausgeprägter Weise das nach Südosten sich
ausgliedernde und die Landesgrenze nach Preußisch-Schlesien bildende Riesengebirge
mit der Braunauer Ausbuchtung und dem Adlergebirge. So wie dieses ganze Gebiet
größtenteils von Sachsen und von Schlesien aus besiedelt worden ist und vermöge dieser
Beziehungen und auch seiner natürlichen Lage nach (Abdachung nach Nordwesten) viel auf
den Verkehr mit dem reichsdeutscheu Grenzgebiete (Schlesien) angewiesen ist, so zeigt es
sich auch in Dialect und Charakter hauptsächlich von dieser Seite her beeinflußt. Der
Menschenschlag des Jsergebietes ist mittelschlank und noch immer ziemlich kräftig, der des
Riesengebirges wiederum bei Mittelgröße etwas mehr sehnig, starkknochiger und hager.
Die städtische Bevölkerung, besonders der zahlreichen Jndustriestätten des Reichenberger,
Hohenelber und Trautenauer Bezirks, wie überhaupt Nordböhmens, hat in den letzten
Jahrzehnten körperlich schon merkbar durch die Fabriksarbeit gelitten und dadurch eine
größere Zahl schwächlicher, bleicher und verkrüppelter Leute erhalten. Dagegen sind die
Kinder im Riesengebirge noch recht frisch und hübsch, sehr geweckt und nicht scheu.
Unternehmungsgeist, Arbeitsamkeit, stramme Thatkraft, kernhaftes Durchgreifen und
Ausdauer in Mühe und Kampf, Wirthschastseiser, Sparsinn, ein gewisser gesunder Humor,
Gefälligkeit im Umgang, besondere Eignung zu technischer und geistiger Ausbildung
charakterisiren die Bevölkerung des Reichenberger Gaues, der es vermöge dieser seiner
Vorzüge auch zu einer sehr vorgeschrittenen Stellung auf dem Industrie-, Schul-, Schrift-
uud Knnstgewerbe-Gebiete in Österreich gebracht hat. Der Riesengebirgsbewohner ist, in
gewissem Sinne seinem Gebirge entsprechend, mehr ernst, still, thatkräftig, genügsam,
bescheiden, naturgemäß dem Alten mehr anhänglich, ohne sich jedoch dem bessern Neuen
andauernd zu verschließen. Die Härte der oft sehr rauhen und kargen Gebirgsnatur mit
ihren schneereichen Wintern und überschwemmungsberüchtigten Sommern macht ihn noch
zäher, ausdauernder, leiblich kühner, anderseits auch schlichter und in den ärmern Theilen
selbst etwas gedrückt. Die zeit- und ortsweise ziemlich weithin sich erstreckende Abge-
schlossenheit der zum Theil vereinzelt und verstreut im Gebirge liegenden Wohnstätten
(Bauden) bedingt noch eine gewisse Sitteneinfalt,natürliche Gastfreundschaft, Dienstfertigkeit
und Frohsinn, der sich hier jedoch zumeist in stiller Art für sich auslebt und nur selten
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch