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Die Thalungen und Gehänge an der Ober-Elbe und Aupa werden immer dichter besiedelt,
der moderne Steinbau und Villenstil dringt vor und an Stelle der bäuerlichen Holzbaudeu
treten moderne Wohnstätten, die den neuen Industriebetrieben und Lebensverhältnissen
dienen und auch hier dem Ganzen den Charakter des Überganges verleihen. Erwähnt sei
noch, daß die Triebkraft der vorbeirauscheudeu Wässer mitunter durch sinnreiche und
geschickte Vorrichtungen dazu benützt wird, Schleifsteine, Treibräder und ab und zu auch
Kinderwiegen in Bewegung zu erhalten.
Die Wahrnehmungen aus der Gesammtübersicht über die Volkswohnstätten und
deren neuere Entwicklung drängen den Beobachter schließlich zu einigen kurzen Schluß-
bemerkungen. Die Erfahrung lehrt, daß die verschiedenen Volksgebiete in den deutschen
Hauptgauen Böhmens seit jeher ihre, der Naturumgebung und dem Charakter des Landes
und Volkes entsprungenen und zweckmäßig angepaßten Baustile besaßen, die ihnen nun die
Neuzeit größtenteils schon genommen hat. Die Wohnstätten des Bürgers und Bauers iu
Deutschböhmen haben sich in demselben Maße bereits modern vernüchtert, der früheren
Charaktereigenthümlichkeit und oft so poetischen, gesunden Eigenart entäußert, da gerade in
Deutschböhmen—von der Reichshauptstadt abgesehen—derFortschritt des neuen Verkehrs-
und Jndnstrielebens in Österreich am raschesten und größten vor sich ging. Die neuen
Bürgerhäuser iu den Mittelstädten sind heute durchschnittlich größer, Heller, luftiger, darum
auch theilweise gesünder, in manchem auch bequemer, doch sind sie auch der Menge nach viel
nüchterner, schablonenhafter, fabriksmäßiger geworden und entbehren des Reizes und
Vorzuges der bestimmten Eigenart früherer Zeit. Übrigens zeigen sich auch bereits wieder
manche Ansätze zum Besseren. Das deutsche Bauernhaus iu Böhmen dagegen befindet sich
derzeit in einem wenig befriedigenden Übergangsstil. Man hat den alterprobten, für einen
Gau und Volksschlag seit langem passenden charakteristischen Baustil verlassen und vermochte
bis jetzt nicht das entsprechend Richtige an dessen Stelle zu setzen, sondern überträgt geistes-
nnd haudwerksbequem einen gewissen flach-nüchternen niederstädtischen Durchschnittsstil
gewöhnlichster Art auch auf die Bauerndörfer. Diese nicht zu billigende Bauweise ist
besonders in den wegen ihrer größeren Fruchtbarkeit wohlhabenderen Flachlandgebieten
an der Eger und Elbe, zum Theil auch in den nordöstlichen Jndnstriebezirken herrschend
geworden. In manchen kleinen Dorfschaften des Saazer Landes und ziemlich weit egeranf-
nnd abwärts, auch auf dem Hopfenboden längs des Goldbachs, an der Nieder-Elbe n. f. f.
stehen heute ganz städtische Bauernhäuser mit breiten Straßenfronten und allem städtische»
äußerlichen Putz. Der Einsichtsvolle kann sie weder ländlich-passend und bäuerlich-praktisch
noch charakteristisch uennen.Die oberen Wohnräume stehen meist leer oder die Zimmer werden
zur Noth als Getreidespeicher benützt, da es unten an Raum und zweckmäßiger Eintheilnng
des Gehöftes fehlt. Hier ist eine entschiedene Anregung zur Wendung dringend geboten.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch