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in Nord- und Ostböhmen, zum Beispiel zu Rumburg, der Bolzschützen zn Leipa (Vogel-
wiesefeste, die in neuester Zeit auch in Komotan sich einbürgern), das „Gesellenschießen"
zu Schlackenwerth an der Eger.
Eine ganz eigenartige Besonderheit, die sich weitreichenden Volksrufes erfreut,
bildet das Volksfest der Gurken- und Grünzeugpflanzer in Saaz, das als sogenanntes
„Gurken-Königsfest" mit „Gurkenball" noch allwinterlich vom Saazer Grünzeng-
pflanzerverein nach alter Gewohnheit unter besonderen Formen veranstaltet und neuerlich
auch von den Landsmannschaften aus dem Saazerlaude in Prag als Faschingsfest in
getreuer Nachahmung gepflegt wird. In neuerer Zeit beherrscht das moderne, in Deutsch-
böhmen besonders reich entwickelte Vereinsleben mit seinen Sänger-, Turner-, Feuerwehr-,
Veteranen- und verschiedenen anderen Vereinen vollständig das städtische und zum großeu
Theile auch schon das ländliche Volksleben mit seinen verschiedenen Festen.
Zur nöthigen Vervollständigung des ungemein reich entwickelten Bildes des Volks-
lebens der Deutschen Böhmens müssen auch die zahlreichen geschichtlichen Gedenkfeste
wenigstens kurz gestreift werden. Fast jede größere Stadt hat einen oder den anderen solchen
historisch-bedeutsamen Ehren- und Gedenktag zn verzeichnen. Zu den bekanntesten und
angesehensten dieser historischen Volksfeste gehört vor Allem das „Fahnenschwingen-
fest" der Metzger in Eger. Im Jahre 1412 eroberten und zerstörten die Metzger, Tuch-
macher und Stadtsoldateu Egers die schwer einnehmbare Ranbveste Graßlitz. Zum Dank
erhielten die beiden Zünfte von der Stadt das Vorrecht, alljährlich zur Fastnacht
ihre Zunftfahnen herauszuhängen uud unter Trompetenschall neunmal auf offenem Markt
schwingen zu dürfeu, endlich auch drei Tage lang einen Ehrentanz zu halten. Der Fahnen-
träger Pflegt hierbei 26 bis 30 Schritte vor- und wieder zurückzuschreiteu und dabei die
schwere mit Bändern behängte Znnstfahne zu schwingen. Dieser alte Ehrenbrauch hat sich
bis in die neueste Zeit erhalten und wird in Zwischenräumen von je fünf Jahren wiederholt.
Das Fahnenschwingen am Faschingsdienstag 1891 ging unter Antheilnahme der Behörden
und einer großen Volksmenge in Eger mit aller Festlichkeit vor sich. Ein ebenso allgemeines
und gleich ehrenvolles Volks- und Stadtfest feiert seit Jahrhunderten alljährlich auch die
Stadt Brüx an der Biela (im August) mit dem sogenannten „Schneefest" zur Erinnerung
an den Sieg ihrer Bürger über die Hnsiten Zizkas, welche Schloß und Stadt im August 1421
mit Zerstörung bedrohten und nach hartem Kampf am 5. August in die Flucht geschlagen
wurden, wobei der Sage nach plötzlich ein arges Schneewetter vom Kamm des nahen
Erzgebirges her sich entlud. Besonders zn nennen ist ferner das sogenannte „Pvlaken-
fest" in Reichenberg. Diese Gedenkfeier wurde am 20. August 1813 vom damaligen
Erzdechant Wolf eingeführt zum Andenken an die glückliche Erlösung der Reicheuberger
Gemarkung von dem an 20.000 Mann starken Einbrnchscorps Napoleons, der damit die
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Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch