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Volksepik sind Zeugnisse vorhanden. Das älteste der deutschen Literatur erhaltene deutsche
Bergmannslied, das sich an eine Begebenheit um das Jahr 1413/14 anschließt, stammt
aus Böhmen (Kuttenberg); ein anderes Volkslied (aus dem XVI. Jahrhundert) behandelt
ein Biertnrnier in der Erzgebirgsstadt Joachimsthal.
Im Allgemeinen und Wesentlichen schließt sich das Volkslied der Deutschen in
Böhmen an die Volksliedergruppen der deutschen Hauptstämme an, mit welchen sie seit jeher
in so naher und reger Verbindung standen (Handels-, Rechts- und Literaturverkehr,Kriegs-
fahrten, Studenten- und Handwerkerwanderschaften). Im Einzelnen hat sich jedoch das
Volksleben Deutschböhmens auch selbstschöpferisch genug erwiesen, viele der allgemeinen
deutschen Volkslieder auch selbsteigen für sich umzuformen und auch manche eigenartige
Lieder selbständig sich zu schaffen, die eine umfangreiche Sammlung füllen würden. Diese
kam bis jetzt freilich nicht in der wünschenswerthen Form zustande, da es an der nöthigen
öffentlichen Unterstützung und Förderung fehlte.
Der weite Kreis des Volksliedes Böhmens, das durch die Vermittlung Südböhmens
mit dem deutschen Volkslied Junerösterreichs im Zusammenhang steht, umfaßt alle Gebiete
des weit ausgedehnten Grenzringes. Doch ist seine Entwicklung und Pflege eine merkbar
ungleiche. Das Hauptgebiet des deutschen Volksliedes in Böhmen ist die Westhälfte des
Landes. Hier blüht, vom Böhmerwalde angefangen bis hinauf zum fernsten Nordwest, bis
zu den Höhen des Erzgebirges und den Geländen an der Eger und Elbe, der deutsche
Volksgesang seit langem in reicher Fülle. In Westböhmen herrscht Begabung und Vorliebe
für Musik, Gesang und Volkspoesie vor; nach Ostböhmen zn schwächt sich die Geltung des
Volksliedes ziemlich auffallend ab und die Anlage und Neigung der Bevölkerung für das
Malerische tritt in den Vordergrund. Die ersten, einfachsten und häufigsten Formen des
Volksgesanges, die „Vierzeiligen", die längere Zeit in weiten Kreisen unter dem Namen
der „Schnadahüpfel" nur als Besonderheit der Alpenländer galten, sind in Deutschböhmen
sehr reich vertreten. Sie kommen als sogenannte „Stückla" im Süden und Westen
(Böhmerwald und Ober-Egergebiet), als „Gesätzl" im Saazerlande, als „Schlnmperliedln"
(thüringisch-sächsisch) im Erzgebirge und als „Zenscherliedla" (schlesisch) auch im Riesen-
gebirge seit langem vor (hier freilich viel spärlicher) und setzen sich selbst in der neuesten Zeit
zuweilen noch lebenskräftig in zeitgemäßen Neubildungen fort. In Nord- nud Ostböhmen
sind sie allerdings seltener, allein sie fehlen selbst im sangesarmen Riesengebirge nicht so
ganz und gar. Freilich ist die Entwicklung und Pflege des Volksgesanges überhaupt in
diesem naturstrengen Gebiete im Vergleich zu Westböhmen eine derart geringere
und verschlossenere, daß in ziemlich weiten Kreisen selbst der Einheimischen die Ansicht
sich leicht verbreiten konnte, im Riesengebirge gäbe es keinen Volksgesang! Dennoch sind
auch im sangesarmen Riesengebirge immerhin manche „Vierteilige" und Volkslieder,
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch