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poetisch-künstlerische Krönung. Wo die Naturgewalt des Landes am mächtigsten sich zeigt,
dort ist eben auch die größte und vielseitigste Sagengestalt der Volksdichtung entwachsen.
Als eine Besonderheit aus dem bereits auf der neueren Cultur fußenden Sagen-
kreise Deutschböhmens sei zum Schluß noch die Volkssage des Leipaganes „vom
Sandauer Dr. Kittel" (dem nordböhmischen Dr. Faust!) erwähnt, der gleich seinem
classisch-berühmten norddeutschen Genossen allerlei seltsame Zaubereien vollführte uud
in der Volkssage Nordböhmens deshalb eine besondere Rolle spielt. Wird die Natur-
mythe Deutschböhmens durch eine Großgestalt wie jene Rübezahls in einem Höhepunkt
abgeschlossen, so erhält auch die Cultursage mit der auf diesem Gebiete zum Höchsten
entwickelten Figur des Zauberglaubens mit eiuer heimatlichen, selbständigen Dr. Faust-
Gestalt ihre bedeutsame Krönung.
Volksleben der Deutschen im Böhmerwald.
Zur Charakteristik des Volkes. Eine Viertelmillion Seelen umfassend,
bewohnt diese kerndeutsche Bevölkerung das herrliche Berg- und Hügelland an der
mittleren und südlichen Westgreuze Böhmens und gibt auf diesem Terrain, der Länge
nnd Breite nach, in Dörfern, Märkten, Städten, von geringfügigen Localeigenheiten
abgesehen, in voller Übereinstimmung nach Lebensweise, Muttersprache (Dialect) und
Charaktereigenthümlichkeit das Abbild ihrer deutschen Nachbarn: der Oberösterreicher
und der Baiern. Der Körperbildung nach erscheinen die Männer in etwas über
Mittelgröße, sehnenkräftig uud mit scharfgezeichneten charakteristischen Gesichtszügen.
Blonde Haare und blaue Augeu sind seltener geworden als früher, wo ein Schwarzkopf
z. B. seiner Seltenheit wegen Anlaß gab, daß sein Hof den Spitzname« „zum Schwoarz-
schädel" erhielt. Daß es im Böhmerwalde auch Zeiten gab, wo unter den Männern
germanische Hünengestalten auftraten, können alte Leute uoch heute bezeugen, uud der
Verfasser selbst ist Einer von diesen alten Leuten. Der eine dieser Hünen ging in seinem
Alter mit dem Bettelsack um, war ein Schrecken der Kinder, aber ein gerngesehener Recke
für Männer, die sich nicht satthören konnten, wenn er von seinem Kampf mit dem Bären
erzählte, der ihn im Walde überfallen hatte und umklammert hielt, bis er ihu au eine
Schichte Holz hinzwang und mit einem Scheite maustodt schlug. Der zweite dieser Hünen
war in seinen jüngeren Jahren Steinbrecher in einem Kalksteinbruch bei Neuern, genoß
im Alter ein erträgliches Gnadenbrot und kam einmal, 80 Jahre alt, zu meinem Vater
mit einer Botschaft. Er konnte nur tiefgebückt zur Thüre herein und saß dauu wie ein
riesiger Kachelofen an unserem großen Ecktisch. Mein Vater erinnerte ihn an seine Lieb-
haberei in jüngeren Jahren bei Musiken, wenn eine Ranferei entstand; da pflegte er die
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch