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war es lange Zeit Mode unter dein weiblichen Volke, mehrere solcher Kittel über
einander zu tragen, so daß auch Spitznamen entstanden, wie: „Siebenkittel-Wa'm"
in unserem Nachbardorfe. Bräute tragen noch heute keiu Kopftuch, ihre Haare werde»
nach dem Wirbel gekämmt, dort in ein Netz gewunden, mit Sträußchen, Blumen und
frischem Grün geschmückt, daran allerlei flimmernde Zierden, wie Silberzitterdraht uud
Goldfliuserlu befestigt sind. Die Fußbekleidung besteht an Souutageu in weißen Strümpfen
mit Schuhen, an Wochentagen in grobgestrickten Strümpfen von blaner Farbe mit
Holzschuhen.
Von den S i t t en und Gebräuchen des Böhmerwaldes . Man muß eiu Volk
bei der Arbeit sehen, nm es nach Charakter und Cultur beurtheilen zu können, — so lalltet
ein von hochachtbarer Seite aufgestellter Satz. Der Satz ist richtig, aber nicht erschöpfend
richtig. Gewiß wird die Arbeit, die ein Volk verrichtet, und die Art, wie es seine Arbeit
verrichtet, Kraft, Findigkeit, Geschmack und noch manche Eigenart der Anlagen zur
Erscheinung kommen lassen, aber das Volk in seiner Vollgestalt werden wir bei der Arbeit
nicht vorfinden und dem Bilde wird noch etwas fehlen, was bei einem Gemälde durchaus
maßgebend ist: Licht, Farbe, Lebensfrische und Treue. Die Farbengebung zur Charakteristik
und Cultur eines Volkes ist zumeist in seinen Sitten und Gebräuchen zu suchen. In Sitten
und Gebräuchen nimmt das Volksleben voll und wahr und in richtiger Beleuchtung Gestalt
an; in Sitten und Gebräuchen kommen Geistes- und Gemüthsanlagen des Volkes zum
Ausdruck, wie durch den Trieb ihrer Säfte die eigenartigen Blätter, Blüten und Früchte
eines Baumes. Wer die Volksseele in ihrer Eigenart kennen lernen will, der beobachte die
Formen, in welchen ein Volk sein Leben bei der Arbeit, in Lust, Liebe und Trailer aus-
gestaltet. Poesie, Religion, Cultnr, wie Aberglaube, Irrthum und wieder glückliche
Beschränktheit haben gleicher Weise Theil daran. In den Sitten uud Gebräuchen wird sich
auch die Eigenart des Volksthums abschildern, und was in unserem Falle von den Deutschen
des Böhmerwaldes im Allgemeinen über Abstammung und Charakterzüge gesagt wird,
sinnfällig zur Auschauuug kommen — allerdings nur insoweit es uns der zugewiesene Raum
gestattet. Bemerkt sei nur noch, daß die Sitten und Gebräuche, die hier folgen, theils auf
dem ganzen Gebiete des Böhmerwaldes, theils in einzelnen Bezirken, besonders auf der
Laudesstrecke von Bifchof-Teiuitz bis zum Offer und Arber vor längerer Zeit allgemein
und jetzt noch großentheils in Übung und beliebter Pflege sind.
Vergegenwärtige uns die erste Schilderung das Volk in seiner Freude und Jugeud,
bei einem Vergnügen, das allen Völkern gemeinsam ist, von jedem aber in seiner Eigenart
ausgestaltet wird — beim Tanz (l 'o?)... Es ist Sonntag, ein Uhr Mittags; iu der großen
Wirthsstube sind die Musikanten beisammen. Die Burschen, iu ihren Sonutagsauzügeu, bei
warmem Wetter die Jacken über den Schultern, ziehen von fern und uah, über Felder und
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch