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Bei stark gefüllter Stube ist dann der Tanz eine förmliche Schlacht. Einer sucht den
Andern aus Reihe und Glied zu schleudern. Mancher bleibt im Rundtanz voll seligen Über-
muthes stehen und beginnt „af oan Eartl" zu drehen; die Nachtänzer schwellen hinter ihm
an und sind gezwungen, um das schöne Solo nicht unbenutzt zu lassen, ebenfalls „af oan
Eartl" anzufangen, so daß auf einmal in der ganzen Stube ein Heben und Senken sichtbar
wird. Die Tänzerinnen schweben häufig über den Köpfen und die Scene gleicht einem
Wasserwirbel, auf den ein heftiger Platzregen fällt und die stark aufschlagenden Wasser-
tropfen über der drehenden Masse hüpfende Figürchen bilden. Vier so gespielte Ländler
bilden eine Abtheilung, während welcher kein Bursch seine Tänzerin wechselt oder aufhört.
Beim letzten Klang der Mnsik faßt jeder Bursch seine Tänzerin, führt sie nach der zweiten
Stube (Kammer), wo die Tische von den meisten Trinkgästen besetzt sind, reicht ihr sein
Glas zum Trinken und läßt sie dann laufen, wenn sie ihm gleichgiltig ist, oder setzt sie zu
sich an einen Tisch, wenn sie so glücklich ist, seinem Herzen näher zu sein. In der Tanzstube
aber gruppireu sich sanglustige Burschen um die Musikanten, schlingen sich gegenseitig die
Arme um Hals und Schultern und singen volkstümliche Melodien, denen sie immer neue
Texte unterlegen. Nach jedem abgesungenen Texte spielt ihnen die Musik die Melodie in
der gleichen Tonart nach und die Bursche springen und jauchzen dazn oder schnalzen mit
der Zunge nach dem Takt. Die Mädchen aber hängen sich zwei und zwei mitten in der
Stube zusammen und tanzen nach den gesungenen oder gespielten Melodien. Verliebte
Paare sitzeu meist schäkerud auf den Wandbänken herum. Beispiel solcher Liedertexte:
Deanal gei hea zon Zau,
Lauma dö rächt oschan,
Wos Du für Augerl Host:
Schwoarz oder brau?
Als Autwort folgt:
Augcrl mei is nöd schwoarz,
Augerl mei is nöd braun,
Augerl mei is o krod,
Di onzuschaun!
Gegen die Tanzlnst der übrigen Anwesenden darf der Gesang nicht sündigen und
man endet ihn, nachdem alle Sänger die Mnsik bezahlt haben, mit folgendem Text:
Spielleut spielts umatum,
Doß i zu man Teandla kum,
Sitzt af der Ofenbonk,
D' Zät wiad ia long!
Bei einbrechendem Abend wird es etwas leer in der Tanzstube; die Knechte gehen
füttern, die Mägde melken. Bauernsöhne nnd Töchter sind von Arbeit frei und bleiben,
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch