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Probereiten, Besprechungen der Bauernsöhne nehmen Zeit und Mühe fast ausnahmslos
in Anspruch. Wer dem festlichen Wettrennen einmal beigewohnt hat, der begreift den
Eifer der Vorbereitung und die Aufregung einer weiten Gegend, die den Schauplatz des
Festes bietet. Alle Leidenschaften, die ein großes, glänzendes und spannendes Fest in den
Gemüthern des Volks erregen kann, sind beim Wettrennen in Heller Bewegung; es wird
gejubelt, gewettet, gestritten nnd bei jedem geringsten Anlaß die Luft mit wildem Gelächter
erschüttert. Dazu ist auch die lustige Person ersehen, ein Wettreiter auf der elendesten
Märe, die in Stroh so eingewickelt ist, daß sie mit dem Hintertheil beim Wettritt voran-
zusprengen scheint. Es ist schade, daß der Raum mangelt, dieses prächtige Volksfest
ausführlich zu beschreiben; wir wollen wenigstens die Reime hersetzen, welche das Volk
sich selbst zusammengestellt hat und beim Wettlauf lebhaft zum Besten gibt:
Land is, wenn d' Hrössa schei gströckt, (Schön ist's, wenn die Pferde schön gestreckt,
Krod aß weun's Nochtgoid Heid gschröckt, Gleichwie vom Nachtkobold geschreckt,
Ähont und pfalgschwing hi flnignt Einhan'n und pfeilschnell herfliegen
Und eng d' Hröda sö füarassö bnignt; Nnd sich die Reiter vorwärts biegen;
Wei eng do's Nosnloh schnurrt! Wie euch da 's Nasenloch schnurrt!
Wei eng dös Tenflsroß psnrrt! Wie euch das Teufelsroß psurrt!
Wei sö da Hröda hoisarö keart! Wie da der Reiter, heiser vom Schrei'n,
Gschwiuka fürö sa Rösserl meart! Schneller zwingt 's Rössel zu sein!)
Die Jahreszeiten sind es, welche dem Volksgemüth die Eigenart der Bildnng von
Sitten und Gebräuchen aufprägen, selbst bei jenen festlichen Anlässen, die, wie Verlobungen
nnd Hochzeiten, zu jeder Jahreszeit ihre übliche Feier finden. Und da ist es bemerkenswerth,
daß der Winter, diese arge Jahreszeit, die den Menschen in den Schntzraum der Wohnungen
zusammendrängt, nahezu am reichsten ist an Sitten und Gebräuchen, die durch Munterkeit
und Frohsinn das bedrängte Leben vor trauriger Erstarrung behüten. Da sind die „Spinn-
stuben" mit ihren Geschichten, Gesängen und oft tollen Ergötzungen; die Abende des
„Federuschleißens", die an heiterem Treiben hinter den Spinnstuben nicht zurückstehen;
da kommt das bunte Leben eines Dorffaschings mit seinen grausigen Verkleidungen,
lärmenden Umzügen, lustig-schreckhaften Überraschungen; die „Bischoss-Umgänge" am
Nikolo-Abend mit ihren Kinderschrecken und Bescherungen, wie das Fest des „Schönheit-
nnd Stärketrinkens", das die Hofbesitzer ihren erwachsenen Kindern nnd Ehhalten (Knechten
und Mägden) geben; den „Drescherschmaus" nicht zu vergessen, der am Abend desjenigen
Tages (im December) zum Besten gegeben wird, an welchem die letzten Garben der Ernte
ansgedroschen werden. Man sieht, der Winter hat seine Freuden in großer Zahl, die noch
bereichert werden an Abenden, die nur geselligen Zusammenkünften dienen und Aulaß
geben zu singen, zu erzählen von Kriegsereignissen, Räuber- und Gespenstergeschichten,
die schrecken, entsetzen, erschauern machen, aber doch vergnügen, da sie vorüber sind
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch