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die goldene Hand und wirft Fluten von Obst und guten Sachen herein, nach denen die
Kinder mit Jubelruf stürzen und nach Möglichkeit viel zu erhaschen suchen! Dies ist Christ-
kindleiiis Anmelden; um Mitternacht folgt dann die Christbescherung.
Kommt das Frühjahr , sproßt es auf Feldern und Wiesen, treiben die Bäume
Blätter und Blüteu, da bricht auch das Volksleben in neuen Bildungen aus. Die
„Maibäume" werdeu aufgerichtet — junge Fichtenstämme, die entästet und abgeschält
werden bis zum Wipfel, deffeu Äste und Zweige mit buuteu Bändern, Festgewinden und
Kunstblumen geschmückt werden; sie pflegen mit erstaunlichem Geschick durch die höchste»
Dächer nach den Bodenräumen eingesenkt und mit Stricken befestigt zu werden; so künden
sie wochenlang aller Welt an, daß einer heiratsfähigen Tochter des Hauses vou einem
Burschen öffentlich gehuldigt werde. — Ju die Zeit der Maibäume fällt die Sitte der
„Horufeile". Die Heerdeu sollen zum ersten Male auf Brachen oder Gemeindeweiden
getrieben werden, wobei es zu großen Kämpfen der gehörnten Hansthiere kommt. Um die
Gefahr vieler und bedenklicher Verwundungen zu beseitigen, geht der Hirte vorher vou
Haus zu Haus und feilt die über Herbst und Winter zu scharf ausgewachsenen Hörner-
spitzen ab, natürlich unter üblichen, dem gläubigen Vertrauen entsprechenden frommen
Sprüchen. So spricht der Hirt in einen Stall tretend und das Haupt entblößend :
„Pfeit's Gott! ös Kalwla, Öxla, Rößla ollö,
üs Haißla, Schaffla, wei's dv san,
Wenn Öbba scho'n wollt, strof den Lollö,
Mia wißn o, daß Leit' gean nödö san!"
(B'hüt' Gott! ihr Kälber, Öchslem, Rößlein alle,
Ihr Füllen, Schäslein, wie's da sind —
Wenn Jemand schaden wollt', so straf' den Lümmel,
Wir wissen ja, daß d' Lent' gern neidig sind.)
Am 1. Mai folgt dann der erste Austrieb der Thiere uuter feierlicher, lärmender
Bewegung des Dorfes. Das Läuten der Halsglocken uud Klingen der Rollen (blecherner
Kugeln mit runden Steinen im Innern) erfüllt die Luft, vermengt mit lustigem Brüllen,
Blöken und Meckern der Thiere, zwischen denen Hausväter, Mütter, Knechte und Mägde
Aufsicht führend eine Strecke weit mitgehen. Sie sind mit „geweihten Ruthen" bewaffnet,
die aus Birkengerten bestehen, verbunden mit am Palmsonntag geweihten Palmzweigen;
diesen Ruthen wird eine wunderbare Kraft zugeschrieben, ein Hieb damit schützt ein Thier
das gauze Jahr vor Verwundung. Am 1. Mai schon gerathen die Gemeindestiere
(Bummeln), gewöhnlich zwei gewaltige Recken ihrer Art, an einander; das gibt ein Schau-
spiel, das nicht früher verlasse» wird, als bis einer der Stiere Sieger ist. Diesem wird dann
laut gehuldigt und Niemand ist stolzer auf diesen Sieg als der Hofbesitzer, der verpflichtet
ist, den Gemeindestier während des laufenden Jahres auf eigeue Kosten zu erhalten.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch