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ist naheliegend: zu dem fabnlirenden Volke dürfen die Chronisten dunkler Vorzeit gerechnet
werden, die bei Erfindung und Ausgestaltung fabelhafter Geschichten mit dem Volke Hand
in Hand gingen und namentlich mit Sagen über historische Personen und Wohnstätten
einen Erfolg erzielten, der sogar ernste Geschichtschreiber zwang davon Kenntniß zu uehmeu
und dadurch eine Sageubilduug, der man höchstens die Dauer eines Menschenalters
zutrauen sollte, Jahrhunderte lang in der Erinnerung und Vorliebe der Menschen zu
erhalten. Als eine dieser bedeutsamen, romantisch ausgestatteten, durch Jahrhunderte sich
erhaltenden Geschichten darf die
Sage von der „weißen Frau" betrachtet werden. Wir werden dnrch sie
in die vornehmste Burg nicht nur des Böhmerwaldes, sondern Böhmens überhaupt
geführt: in die Burg der Herzoge von Krnman, die, mit Ausnahme der Hofburg in
Prag, au Großartigkeit, Alter und malerischer Lage alle Herrensitze Böhmens weit
überragt. Die Chronik berichtet hierüber: Es war am Souutag vor Martini 1449;
Trompeten- nud Paukenschall tönte schmetternd herab ins Thal, Jauchzen erfüllte
die Lüfte und reichgeschmückte Ritter- und Frauengestalten wogten in den prachtvollen
Sälen der hohen Krumauer Burg hiu uud her im buuteu Gewimmel, denn der Herr
der Burg Ulrich II. von Rosenberg feierte das Hochzeitsfest seiner zweitgebornen Tochter
Bertha, umgeben von einer Menge ebenbürtiger Dynasten, die an flimmerndem Prunke
wetteiferten mit dem vielgewaltigen Wirth. Bräutigam war Johauu von Liechtenstein,
Herr auf Nikolsburg; er hatte uach Freiherrenart um die Braut beim Vater angehalten
nnd von diesem das Jawort erpreßt, während die holde Auserwählte um ihre Zustimmung
nicht befragt, ihr Herz nicht zu Rathe gezogen wurde. Wäre dies geschehen, so würde man
hinter das Geheimniß gekommen sein, daß Berthas Herz bereits für den tapfern Jüugliug
Peter von Sternberg schlug und einer beglückenden Gegenliebe sich erfreute. Berthas
Schicksal war besiegelt, sie wurde das Opfer eiuer unheilvollen Convenienz und war
genöthigt, am Sonntag vor Martini mit dem durch feiue rohen Sitten berüchtigten
Bräutigam vor den Altar zu treten und ihr Jawort auszusprechen. Die bösen Folgen
ließen nicht aus sich warten. Noch während sich die Gäste nach der Trauung der
vollen Fröhlichkeit des rauschenden Hochzeitsfestes an wohlbesetzten Tafeln Hingaben,
erfolgte eine Scene, die dem Fest und den gebotenen Genüssen ein jähes Ende bereitete.
Der Bräutigam überraschte seine eben angetraute Braut mit ihrem Auserwählteu in
einer Kemenate, wo sie schmerzlich und in Ehren für immer Abschied nehmen wollten; von
Eifersucht wüthend und vom Wein aufgeregt, wollte Liechtenstein den Gegner durch das
Fenster in die brausende Moldau werfen, wurde aber von herbeieilenden Gästen daran
gehindert; der Lärm uud das Aufsehen dieser Scene waren groß, das Hochzeitsfest ward
unterbrochen, die Gäste ritten mißmnthig nach ihren Burgen zurück, der von Rachsucht und
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch