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Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild - Böhmen (1), Band 14
Seite - 592 -
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592 ist naheliegend: zu dem fabnlirenden Volke dürfen die Chronisten dunkler Vorzeit gerechnet werden, die bei Erfindung und Ausgestaltung fabelhafter Geschichten mit dem Volke Hand in Hand gingen und namentlich mit Sagen über historische Personen und Wohnstätten einen Erfolg erzielten, der sogar ernste Geschichtschreiber zwang davon Kenntniß zu uehmeu und dadurch eine Sageubilduug, der man höchstens die Dauer eines Menschenalters zutrauen sollte, Jahrhunderte lang in der Erinnerung und Vorliebe der Menschen zu erhalten. Als eine dieser bedeutsamen, romantisch ausgestatteten, durch Jahrhunderte sich erhaltenden Geschichten darf die Sage von der „weißen Frau" betrachtet werden. Wir werden dnrch sie in die vornehmste Burg nicht nur des Böhmerwaldes, sondern Böhmens überhaupt geführt: in die Burg der Herzoge von Krnman, die, mit Ausnahme der Hofburg in Prag, au Großartigkeit, Alter und malerischer Lage alle Herrensitze Böhmens weit überragt. Die Chronik berichtet hierüber: Es war am Souutag vor Martini 1449; Trompeten- nud Paukenschall tönte schmetternd herab ins Thal, Jauchzen erfüllte die Lüfte und reichgeschmückte Ritter- und Frauengestalten wogten in den prachtvollen Sälen der hohen Krumauer Burg hiu uud her im buuteu Gewimmel, denn der Herr der Burg Ulrich II. von Rosenberg feierte das Hochzeitsfest seiner zweitgebornen Tochter Bertha, umgeben von einer Menge ebenbürtiger Dynasten, die an flimmerndem Prunke wetteiferten mit dem vielgewaltigen Wirth. Bräutigam war Johauu von Liechtenstein, Herr auf Nikolsburg; er hatte uach Freiherrenart um die Braut beim Vater angehalten nnd von diesem das Jawort erpreßt, während die holde Auserwählte um ihre Zustimmung nicht befragt, ihr Herz nicht zu Rathe gezogen wurde. Wäre dies geschehen, so würde man hinter das Geheimniß gekommen sein, daß Berthas Herz bereits für den tapfern Jüugliug Peter von Sternberg schlug und einer beglückenden Gegenliebe sich erfreute. Berthas Schicksal war besiegelt, sie wurde das Opfer eiuer unheilvollen Convenienz und war genöthigt, am Sonntag vor Martini mit dem durch feiue rohen Sitten berüchtigten Bräutigam vor den Altar zu treten und ihr Jawort auszusprechen. Die bösen Folgen ließen nicht aus sich warten. Noch während sich die Gäste nach der Trauung der vollen Fröhlichkeit des rauschenden Hochzeitsfestes an wohlbesetzten Tafeln Hingaben, erfolgte eine Scene, die dem Fest und den gebotenen Genüssen ein jähes Ende bereitete. Der Bräutigam überraschte seine eben angetraute Braut mit ihrem Auserwählteu in einer Kemenate, wo sie schmerzlich und in Ehren für immer Abschied nehmen wollten; von Eifersucht wüthend und vom Wein aufgeregt, wollte Liechtenstein den Gegner durch das Fenster in die brausende Moldau werfen, wurde aber von herbeieilenden Gästen daran gehindert; der Lärm uud das Aufsehen dieser Scene waren groß, das Hochzeitsfest ward unterbrochen, die Gäste ritten mißmnthig nach ihren Burgen zurück, der von Rachsucht und
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Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild Böhmen (1), Band 14
Titel
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Untertitel
Böhmen (1)
Band
14
Herausgeber
Erzherzog Rudolf
Verlag
k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
Ort
Wien
Datum
1894
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
15.78 x 21.93 cm
Seiten
634
Schlagwörter
Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
Kategorien
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