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von den Qualen der Eifersucht tobende Freiherr von Liechtenstein aber brach schon am
nahen Morgen ans, um seine weinende Gattin nach seinen mährischen und steiermärkischen
Schlössern in Sicherheit zu bringen. Dort angekommen, stürzte er sich iu ein wüstes Leben,
ließ die jugendliche Gemalin an den ersten Bedürfnissen des Lebens Noth leiden und
mißhandelte sie so uubarmherzig, daß sie bei ihren Verwandten, wenn auch vergeblich Hilfe
suchte. Erst nach fünfundzwanzig Jahren endloser Leiden wnrde die Arme durch den
Tod ihres Gatten wieder frei und begab sich in den Schutz eines weitläufigen Neffen,
Heinrich VI. von Neuhaus-Telc, iu die Burg zu Neuhaus. Hier gewauu sie bald durch
Güte, Sauftmuth und Leutseligkeit alle Herzen und wurde wegen ihrer Weisheit und
Gelassenheit das Orakel der Familie und im weitesten Umkreis „das Auge der Blinden,
der Fuß des Lahmen, der Waisen Mutter, der Armuth Schatzmeisterin". Daher vertraute
der frommsinnige Neffe der tugendsamen Bertha die ganze Haushaltung und besprach
niit ihr jedwede Angelegenheit, besonders sorgsam den nothwendig gewordenen Aufbau
eiuer neuen Bnrg. Bei einer solchen Berathung saß einst Bertha mit dem Neffen bis in die
späte Nacht beisammen; Alles war erörtert bis auf die Frage: ob der Bau auch deu
Zwergen, die nach der Sage in der alten Bnrg Hofhaltnng hielten, angenehm sein werde,
da sie sonst viel Unheil im nenen Burgbau stiften könnten. Die Frage war kanm gestellt,
als liebliche Musik ertönte, die Wände und der Boden des Gemachs sich mehrfach
öffneten und eiue große Menge von Zwergen heraus- und vor Bertha und dem Burg-
herrn anfmarschirten. Einer derselben, etwas größer als die anderen, in goldenem
Mantel, eine schimmernde Krone ans dem Haupte, der Führer der Schar, machte eine tiefe
Reverenz vor Bertha und dem Neffen und hielt eine Anrede des Inhalts: daß er uud die
Seinen von der Absicht, eine neue Burg zu bauen, erfahren haben und nach reiflicher
Erwägung nichts dagegen einwenden wollten unter der Bedingung, daß ins neue Schloß
die alte Tugeud der Stammfamilie einziehe und dort herrsche! Das Gelöbniß wurde
vom Burgherr» abgelegt und die Zwerge zogen befriedigt ab, so wie sie gekommen waren.
Nnn war das letzte Bedenken gegen den neuen Burgbau beseitigt uud dieser mit Eifer uud
Beruhigung begonnen; selbst die Zwerge legten fleißig Hand an und schafften nachts Steine
und Baustoff herbei; das Werk gedieh sichtlich und damit in der begonnenen Weise fort-
gefahren werde, versprach die vielmögende Wittfrau Bertha den Meistern, Gesellen und
Handwerkern, sie uach Vollendung des Baues mit „süßem Brei" zu bewirthen, was so
viel hieß, als sie mit einem reichen Gastmahl zu erfreuen. Nuu ging die Arbeit doppelt gut
voustatteu und die neue Bnrg stand früher fertig da, als erwartet werden konnte. Da hielt
aber auch Bertha im EinVerständniß mit dem Burgherrn Wort und es wurden nicht nur
die Bauleute, sondern auch Bürger uud Arme des Ortes festlich und reichlich bewirthet —
am Schluß des Festes mit dem „süßem Brei", einem zu damaliger Zeit hochbeliebten mit
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Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch