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Honig bereiteten Mus. Um die Freude der Gäste noch zu erhöhen, gab ihnen Bertha
bekannt, daß sie einen Stiftsbrief habe ausfertigen uud vom Burgherrn unterzeichnen
lassen, durch welchen der jetzige wie alle folgenden Besitzer der Burg verpflichtet wären,
den „süßen Brei" (das heißt, den Festschmaus) dem Volke von Neuhaus jährlich, und
zwar stets am grünen Donnerstag feierlich darzubieten; sehr bitter würden die Folgen
der Nichtbeachtung dieses Stiftsbriefes sein. Bertha selbst war im folgenden Jahre
noch in der Lage, das Fest des „süßen Breies" zu veranstalte» und zu leiten —
dann kam ihr letztes Stüudlein uud sie schied als frommer Geist aus diesem prüsnngs-
reichen Leben . . . Groß war die Traner des Volkes über den Verlust seiuer Freundin,
das Andenken an sie blieb nngeschwächt lebendig, aber bald ergab sich ein Anlaß, der
verewigten Wohlthäterin nicht blos mit Dankgefühl und Ehrfurcht, sondern auch mit
frommen Schauern zu gedenken. Denn es verbreitete sich die Kunde, Frau Bertha sei im
ueuen Schloß erschienen, wandle da als Geist herum uud werde vou Allen gesehen, die
zur Nachtzeit auf dem Schlosse beschäftigt seien. Berthas Geist sollte in ihrer gewöhnlichen
Hauskleidung nächtlich wandern, in weißem Rock und Schürze, um den Hals eine Schaube
und den Kopf mit einer Haube bedeckt, vou welcher ein Schleier herabfiel und zum große»
Theil ihr Antlitz bedeckte; was man von diesem sah, war todtenblaß. Am Gürtel trng sie
einen Schlüsselbund, den sie heftig bewegte, wenn etwas ihr Widriges geschah. So wurde
sie auch von einem beherzten Maler im großen Saale abgebildet, wo sie am öftesten sich
zeigte. In derselben Kleidung und mit sittsamer Geberde wurde sie bald auch um die
Mittagszeit von dem Nenhanser Marktplatz ans an Fenstern des verfallenen Hnnger-
thnrms, welcher keine Treppe mehr hatte, von vielen Menschen gesehen. . . Bald
vernahm man, daß die „weiße Frau" (wie sie nach ihrer Kleidung fortan genannt wurde),
nicht blos in Neuhaus, fouderu auch in den meisteil Burgen der Herren von Rosenberg
und deren Verwandten umgehe. Wenn in einer Familie ein Kind geboren wurde,
zeigte die weiße Frau viele Freude, ging geschäftig hin und wieder gleich eiuer sorg-
samen Hausfrau uud rasselte mit dem Schlüsselbund; wenn aber die Ammen und Kinder-
wärterinueu eingeschlafen waren, übernahm die weiße Frau das Amt der Kinderfrau,
beschwichtigte die weinenden Kleinen, schläferte sie ein mit leisen Gesängeu uud trug sie im
Zimmer umher. Todesfälle in Rofeuberg'fcheu oder verwandten Familien verkündete sie
durch Traurigkeit voraus und trug dauu einen schwarzen Schleier und schwarze Hand-
schuhe. Dabei sah sie es nicht gerne, wenn mit den Geräthen ans ihrer Zeit eine
Veränderung vorgenommen wurde; sie lief dauu in dem betreffenden Gelaß umher, die
Fenster flogen auf uud zu, wie von einem heftige» Sturmwind bewegt, uud wenn einer
der Beschäftigten einen Gegenstand dennoch anfassen wollte, wuchs die weiße Frau vor
seinen Augen aus dem Boden heraus zu riesiger Größe empor ... Wurden gotteslästerliche
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch