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Gemüth des Mönches, der dasaß und sann und sann — und sich endlich erhob, um heim-
zukehren iu seine Zelle: gestärkt, getröstet und wieder Herr über quälende Zweifel; —
aber im Kloster fand er Alles verändert; er selbst war ein Anderer geworden nach innen
und außen, es erkannte Niemand den müden Greis und verstand Niemand sogar seine
Sprache; denn er war, während er den Vöglein lauschte — um ein ganzes Jahr-
hundert älter geworden.
Die Luzifer-Sage vom Bergschloß Kleuau. Alte Burgen und Ruinen sind
es uameutlich, die das Volk mit unheimlichen Sagen bevölkert. Teufel, Gespenster nnd
Schätze, die vonHöllenhnnden bewacht werden, lassen sich für furchtsame und abergläubische
Gemüther — und wo gäbe es solche nicht? — wirksam verwerthen. Wir sehen dies auch
im Böhmerwalde und sind genöthigt, von dieser Abart wenigstens in zwei Fällen Kenntniß
zn nehmen: von der Luzifer-Sage im Bergschloß Kleuau und von dem großen Schatze in
der benachbarten Burgruine Baiereck. Die Luzifer-Sage knüpft sehr sachgemäß an das
schauererregende Burgverließ der Ruine Klenan an, in welches, sieben Klafter tief, einst
die Opfer des ergrimmten Burgherrn hinabgelassen und dem Hungertode preisgegeben
wurden. Uuter den Burgherren, die gar oft und maßlos ergrimmten, wird ein Herr
Pribik besonders genannt; die Sage bezeichnet ihn als Denjenigen, der dem Rachen
des Burgverließes die meisten der unschuldigen Opfer geliefert habe. Zu solche» Opseru
waren einst auch drei nachbarliche Ritter ausersehen, die der grimme Herr von Klenan
nach einer wilden Fehde als Gefangene in seine Gewalt bekam. Fallthüre auf; au Stricken
einer nach dem andern in die finstere, dumpfe Tiefe hinabgelassen — Fallthüre wieder zu
uud unten waren sie wirklich, die jungen Ritter, noch dazu Brüder. Die ersteu Eindrücke
des Entsetzens beraubten die Unglücklichen der Sprache; stumm lagen sie nebeneinander, wenn
man nicht dann und wann einen Seufzer, der Steine erweichen konnte, für die Sprache
der Verzweiflung hinnehmen will; endlich fanden die Gefangenen auch die Sprache wieder,
die iu wilde Klagen, in Gebete und Hilferufe ausbrach. Vergeblich. Menschliche Hilfe war
unmöglich, die Hilfe des Himmels wenigstens noch nicht nahe; da faßten die verzweifelnden
Brüder den Entschluß, sich in die Arme des bösen Feindes zu werfe» und dnrch ihn sich
befreien zu lassen. Satanas war — natürlich gegen ausgiebige Provision — sogleich
bereit zn Helsen. Ein leichter Donnerschlag und der Unterirdische mit Hörnern, Fenerangen
und langem Schweif stand vor ihnen. „Wenn Einer von Euch sich für die auderu Zwei
opfern uud mir in die Hölle folgen wollte", sagte er, sich räuspernd und einige glühende
Kohlen ausspuckend, „so würde ich Euch wohl befreien!" Die Brüder stutzten anfangs,
aber der Schreckeusort, der Hunger, besonders der baldige unabwendbare Tod machten
sie mürbe, so daß sie den Vertrag annahmen und auch sogleich zn losen begannen, wer von
ihnen als Preis in den Klanen des Satans zurückbleiben sollte. Das Los fiel auf den
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch