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Dialects anzugeben. Bei der Vielzahl der Unterinnndarten kann bei gegebenem Raume
selbstverständlich uur Einzelnes und Hervorstechendes besprochen werden.
Das Obersächsische stellt sich als der Dialeet der engen Selbstlaute dar. Der
Diphthonge sind wenige — ei, au und ein seenndäres on, ferner ein c mit Nachschlag (e') —,
sie treten hinter der Masse der Eiuzelvocale cinfsällig zurück. Unter diesen herrschen wieder
die a, e und i, also die Vocale der oberen Stimmlage, vor. Der Dialect erreicht dadurch
eine gewisse Beweglichkeit, Flinkheit; er erscheint als Sprache einer fleißigen industriellen
Bevölkerung aufgeweckten nnd zugreifenden Charakters. Durch die abgeschliffenen Enduugeu
bei erhaltenen Vorsilben bekommt das Obersächsische einen jambischen Tonfall. Die
Behandlung des ei, soweit es altem ei entspricht, scheidet das Gebiet in drei Haupttheile,
je nachdem dafür Helles a, e oder e' gebraucht werden. Ersteres ist am eigentlichen Erz-
gebirge von Graslitz bis Katharinaberg, von hier über Brüx bis zur Sprachgrenze und
westlich davon der Fall: die „klane Wasn wana drham" — die kleinen Waisen weinen
daheim. Dieses a führt vom Fränkischen, zunächst Vogtländischen zum eigentlichen (reinen)
Obersächsisch hinüber, uud mau darf daher das eben umschlossene Gebiet für ein Übergaugs-
gebiet nehmen. Die Mnndart längs des oberen Erzgebirges schwelgt, da auch für au, ä, e
und für o vor r oft das reine a eintritt, förmlich im a-Laute, was der „Reischdorfer
Pferdehimmel", ein dort landläufiges Volkslied, schon verräth, wenn es beginnt:
„Ach, dos sei' holt schwäre Zeit»
Bei uns armen schlachtn Leitn —
Wenn-mr schie in'n Himml war'n,
Dos war nnsr ganz Bagahrn. Wenn-nir warn in n Himml knmma,
Hot die Plog a End gannmma;
Darf mr ah ka' Fnhrwark treibn,
Ko' ban Weib drhame bleibn."
Steigt man vom Gebirge herab in das flachere Land, so verschwindet diese Über-
Wucherung, obwohl noch genug a-Laute selbst iu der Saazer Gegend vorkommen. Dort
singt ein Volksliedchen:
„'s Kathrl sitzt hintern Tisch,
Hännlt mit Fledrwisch —
Bnbn, laßt 's Kathrl geh',
's Kathrl is schee'."
Hier nähert sich — besonders im halbstädtischen Spreche» — die Muudart schon
mehr der schriftdeutschen (ja auch einer Art obersächsischen) Sprache. Für gebirgisches:
gieh", schieß grüß u. s. w. treten die: geh", schee", groß ein. Lautlich herrscht, wie schon
erwähnt, der Gebirgsdialeet ohne eigentliche Unterschiede von Graslitz bis Katharinaberg,
nnd doch geht hier, nahe bei letzterem, ein tiefer Schnitt, eine wahre Volksscheide durch das
Gebiet. Vou Sebastiansberg, Kommotan und Postelberg westwärts wohnen die Leute des
uär (uer, uar, na, no — nur), von Katharinaberg und Brüx ostwärts aber die ock-Lente.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch