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Säulenbündel mit gut behandeltem Laubwerk angeordnet sind. Derselbe wurde von den
Johannitern, denen Bavor von Strakonitz 1243 die Strakonitzer Burg mit der damals
schon bestehenden Prokopskirche zur Errichtung einer Commende geschenkt hatte, nebst dem
Langhause der genannten Kirche um die Mitte oder in der zweiten Hälfte des XIII. Jahr-
hunderts errichtet. Die uns hier begegnende Schlichtheit wurde auch in den wenigen als
frühgothisch erweisbaren Überresten der Prager Marienkirche festgehalten, welche 1253
mit Wall, Graben und Vorwerken befestigt wurde. Bei Prämonstrateuserbauten gewann
die Frühgothik in dem zwischen 1230 und 1250 ausgeführten Chore der Stiftskirche
zu M ü h l Hausen (Milevsko) und in dem unter den Äbten Hermann und Ambrosius
betriebenen Umbau der Kirche des Klosters See lau (Zelivo) nachweisbaren Einfluß,
dessen Umfang für die Restauration des Stiftes S t r ahov nach dem Brande vom
19. October 1258 oder für die Instandsetzung von Tepl, Chotieschau und Doksan nach
den unruhigen Tagen von 1278 nicht mehr genau abgegrenzt werden kann. Von den
frühgothischen Klosteranlagen der P rager Kreuzherren, sowie der am Zderas ange-
siedelten Kreuzbrüder des heiligen Grabes, deren in großartigem Maßstabe betriebenen
Chorbau Bischof Johann III. 1276 weihte, hat sich nichts mehr erhalten. Mit ihrer Aus-
führung, sowie mit der Herstellung der gerade unter den letzten Premysliden in allen
Theilen des Landes rasch erblühenden Bettelmönchsniederlassungen, deren Spuren
zumeist der Sturmeshauch der husitischen Bewegung vom Erdboden vertilgte, bot sich dem
frühgothischen Gedanken ein ungemein weites und fruchtbares Feld der Bethätigung.
Letzteres war auch in den mächtig emporblühenden Städten der Fall, in welchen seit
Premysl Ottokar II. das deutsche Bevölkerungselement, das geistliche und weltliche Herren
zur Kolonisation herbeizogen, vorherrschte und außerordentlich erstarkte. Denn mit der
Anlage und Befestigung der Stadt, die nach gewissen gemeinsamen Grundsätzen ausgeführt
wurden uud für welche die Mauerwerke des schon vor 1261 nach Magdeburger Recht
lebenden Kolin als Muster galten, ging auch die Ausführung eines gemeinsamen Gottes-
hauses, für dessen reiche Ausstattung wohlhabende Bürger fromme Gaben beisteuerten,
Hand in Hand.
Mehr als in der dreifchiffigen Hallenanlage des gut erhaltenen Koliner Langhauses,
in welchem romanische Stilgedanken mit gothischen ringen und den durch Jahrhunderte
beherrschten Boden mit Energie zu behaupten suchen, gelangt die Frühgothik in der drei-
fchiffigen Decanalkirche zu Pifek, obzwar dieselbe das gebundene romanische System der
Wölbung festhält, zur Herrschaft. Der stumpfe Spitzbogen kommt in den Schiffsarkaden, in
der Führung der Wölbung, in den schmalen Chor- und Langhausfenstern, sowie im Haupt-
portal durchaus zur Geltung, während die Basis- und Capitälsbehandlnng der Säulen am
nördlichen Seiteuschisfsportal zu den Formen der abschließenden Übergangszeit hinneigen.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (2), Band 15
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (2)
- Band
- 15
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1896
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 16.07 x 22.35 cm
- Seiten
- 708
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch