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Auch die Behandlung des Materiales machte erhebliche Fortschritte. Durchschnittlich
blieb man selbst bei größeren Bauten, die wie das Prager Agneskloster mit reichen Mitteln
und unter Heranziehung tüchtig geschulter Arbeiter ausgeführt wurden, dem in unregel-
mäßigen Formen gehaltenen, mit dem Hammer etwas bearbeiteten Bruchsteine treu und
bildete nur Eckverbände, Gesimse, Strebepfeiler, Fenster und Thüren aus sorgfältig
behauenen Quadern. Mergelsandstein und der besonders in Südböhmen gebrauchte Granit
wnrden fast mit derselben Geschicklichkeit bearbeitet, die sich namentlich auch in den zarten
Pfeiler- und Diensteapitälen, sowie bei der Seulptur des Hauptschlußsteines der ehemaligen
Prager Cyriakeukirche zum heil. Kreuze offenbarte. Dem Ziegelbau wandte man sich bei
der Nimburger Dominicaner- und bei der Köuiggrätzer Heiligengeistkirche zu und bediente
sich des bei mittelalterlichen Backsteinbauten oft auftretenden wendischen Verbandes.
Zerstreute urkundliche nnd chronikalische Zeugnisse ermöglichen auch einzelne Ein-
blicke in den Baubetrieb des XIII. und beginnenden XIV. Jahrhunderts, die allerdings
vorwiegend auf Kirchenbauten sich beschränken. War für einen Neu- oder Restaurationsbau
die Erlaubniß der kirchlichen Behörde herabgelangt und durch Ablaßertheilung ein zug-
kräftiger Förderuugsbehelf zur Erreichung der erforderlichen Mittel gefunden, so wurde
mit einem Baumeister verhandelt »lud ihm die Ausführung des Werkes um eine bestimmte
Summe überlassen. Für die Beschaffung des erforderlichen Materiales hatte derselbe nicht
zu sorgen. Die gesonderte Bezahlung für die Steinbrecher fiel offenbar meist dem Bau-
herrn zu, der auch das Material auf dem Land- oder Wasserwege herbeizubriugeu ver-
pflichtet war. Die Grundsteinlegung wurde feierlich begangen und durch einen dazn
besonders entsandten kirchlichen Würdenträger nicht selten iu Gegenwart geistlicher und
weltlicher Machthaber vorgenommen; bei hervorragenden Anlagen, wie bei der Königsaaler
Stiftskirche, war der Grundstein durch besondere Bearbeitung ausgezeichnet. Das Material
wurde auf dem Bauplatze selbst in der zu diesem Zweck errichteten Bauhütte und neben
derselben zweckentsprechend hergerichtet und schwierigere Bewältigung desselben von einem
fürsorglichen Bauherrn besonders entlohnt. Die Art der Ausführung eines Baues ver-
anschaulicht aufs deutlichste die Darstellung des Thurmbaues zu Babel in der Velislav-
schen Bilderbibel (Prag, Bibliothek des Fürsten Lobkowitz). Die Lasten erscheinen durch
den Krähn, in dessen Trittrade ein Manu geht, gehoben, Handlanger bringen auf einer
Leiter in muldenförmigem Troge den Mörtel hinauf, der in kleineren Mengen zum
Gerüst emporgereicht wird. Die Bretter des letztereu ruhen auf starken, aus den Gerüst-
löchern hervorrageudeu Balken. Auf dem Gerüst selbst sind zwei Werkleute ebeu mit der
Aufmauerung beschäftigt, indem der eine durch Hammerschläge dem Stein eine genau
eutsprecheude Form zu geben sucht uud der audere mit der Kelle den Mörtel aus eiueiu
vor ihm stehenden Gefäße auf den Stein aufträgt. Der Umstand, daß der Stein noch an
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (2), Band 15
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (2)
- Band
- 15
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1896
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 16.07 x 22.35 cm
- Seiten
- 708
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch