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die Ausführung des Werkes mit dem entsprechenden Vorhandensein hinlänglicher Geld-
mittel Hand in Hand und zog sich, was die Unterschiede der Wölbung genauer verfolge»
lassen, durch ziemlich lange Zeit hin. Die sogenannte Tuchmacherkapelle, welche im
Ostflügel vortrat und erst 1814 den polygonalen Chorschluß und die ursprüngliche
Wölbung einbüßte, wurde wahrscheinlich noch unter Karl IV. vollendet. Vor dem Beginn
des Kreuzgangbaues hatte man an das Langhaus der Kirche ein neues Presbyterium
angebaut, dessen polygonalem Schlüsse zwei sechskappige Gewölbejoche vorgelegt sind; die
Hauptrippen entwickeln sich von Wandsäulen, die, nicht bis zum Boden herabreichend, auf
Confolen aufsitzen. Die an den Triumphbogen ansetzenden Rippen sind unnatürlich
gebrochen, was wohl daraus hervorging, daß der Baumeister, welcher es bereits mit
gegebenen Verhältnissen zu thun hatte, offenbar in der Berechnung irrte und den ent-
sprechenden Anschluß nicht erreichte. Ob die Rücksichtnahme auf besondere örtliche Umstände
oder Unachtsamkeit es verschuldete, daß man beim Chorbau die Mittellinie des Lang-
hauses nicht zur Directiou wählte, weshalb heute Presbyterium und Langhaus eine
gebrochene Axe ausweisen, läßt sich nicht mehr sicher entscheiden. Gleich dem Chorbau
war die südlich daran angebaute Nikolauskapelle, deren Eintheilung an die Slnper
Servitenkirche erinnert, bereits 1369 vollendet; die Verhältnisse des zuletzt genannten
Denkmals sind ungemein edel, die Detailbehandlung zeigt geschmackvolle Einfachheit.
Die Baulichkeiten des Minoritenklosters in Neuhaus lassen heute noch deutlich erkennen,
wie die einzelnen Theile nach dem Vorhandensein der erforderlichen Mittel in Angriff
genommen wurden und die Wahrung künstlerischen Gesammteindrncks den Minoriten kaum
am Herzen lag. Dieselbe Thatsache ergibt auch der Banznstand des Minoritenklosters
in Krumau, einer Schöpfung des kunstfreundlichen Rosenberger Geschlechtes, dessen
Angehörige neben der 1357 bezogenen Minoritenniederlassnng 1361 ein Clarissinnenkloster
gründeten. Die Gebäude des letzteren wurden erst nach 1383 vollendet, während jene der
Minoriten wahrscheinlich schon bei der 1358 stattgefnndenen Weihe zumeist fertiggestellt
waren, da 1361 bereits das Proviuzialkapitel daselbst abgehalten werden konnte, mit
welchem die Einführung der Clarifsinnen verbunden war. Die Kirche stellt sich heute
zweischiffig dar; das ziemlich langgestreckte Presbyterium besitzt hinter dem Hochaltar
noch schönes Netzgewölbe und bildet die Fortsetzung des Hauptschiffes, von welchem es
der gothische, mit barocken Stuckverzierungen ausgestattete Triumphbogen scheidet. Trotz
der später eingezogenen Tonnenwölbung ist die Fünsjochigkeit des Hauptschiffes sicher nach-
weisbar, an welches sich ein südliches, mit hübscher Sternwölbung ansgestattetes Seiten-
schiff anlehnt. Letzteres dürfte ursprünglich gegen den daran anstoßenden Kreuzgang offen
gewesen sein, der hier neben der Kirche gleichsam eine auf vier Säulen ruhende Doppelhalle
erhielt, welche später durch Einziehung einer Mauer zwischen den Säulen zur Hälfte in
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (2), Band 15
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (2)
- Band
- 15
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1896
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 16.07 x 22.35 cm
- Seiten
- 708
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch