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Wichtigkeit geworden war, denn es verdrängte auch in der Dachdeckung iminer mehr die
Schindel und behauptete weitaus den Platz gegenüber der Schieferdeckung. Anderes Dach-
deckungsmaterial fand nur in seltenen Fällen Verwendung; so ließ Karl IV., um deu nach
Prag zusammenströmenden Fürsten und Edlen der ganzen Welt den Reichthum uud die
Bedeutung Böhmens recht augenscheinlich zu machen, 1370 die beiden Hanptthürme
im Osten nnd Westen der Prager Königsbnrg mit vergoldetem Blei decken. Stroh-
deckung erhielt sich besonders bei ländlichen Profanbauten, zu deren Aufführung das selbst
bei kleineren Kirchenbauten immer seltener werdende Holz noch vorwiegend verwendet
wurde. Die seit dem XIV. Jahrhundert in Böhmens Städten fortschreitende Pflasterung
und die Fürsorge für Instandhaltung der Brücken mußten auch dem Baubetrieb manche
Förderung zuführen.
Die unter Wenzel IV. immer noch nicht ganz erstorbene Kunstthätigkeit Böhmens
erstarrte unter dem eisigen Todeshauche der über die Cultur des Landes erbarmungslos
dahinbransenden husitischeu Windsbraut. Ihr fiel aber zugleich weitaus der größte Theil
der in früheren Zeiten entstandenen Kunstwerke zum Opfer, deren großartiger Gesammt-
reichthnm den in Kunstfragen gewiß nicht befangen und einseitig urtheilenden Aeneas
Silvins zu den begeisterten Worte hinriß: „Kein Reich Europa's ist, wie ich glaube,
in unserer Zeit mit so vielen herrlichen und geschmückten Kirchen reich ausgestattet
gewesen wie Böhmen; die zum Himmel emporragenden Gotteshäuser waren von wunder-
barer Länge und Breite und mit Steinwölbungen gedeckt; die Altäre strotzten von goldenen
und silbernen Reliquieufassuugen, die priesterlichen Kleider waren mit Perlen durchwirkt,
alle Ornate reich, die Kirchengeräthe ungemein kostbar und hohe und sehr breite Fenster
mit schimmerndem Glas und von wunderbarer Arbeit ließen das Licht einströmen." Diesen
überaus reichen Bestand an kirchlichen Kunstdenkmalen, in denen sich ja die künstlerischen
Bestrebungen der früheren Jahrhunderte am schönsten verewigt hatten, mußte die der Pracht-
entfaltung beim Gottesdienst und bei der Kirchenausstattung abholde, ja oft sogar feindliche
Richtung des husitischeu Fanatismus aufs schwerste erschüttern. Da die Zerstörungswuth
ebensowenig vor der Pforte der Klöster, wie vor dem Thore der Städte hielt, die sich der
Bewegung nicht angeschlossen hatten, und kirchliche Bauten, Bürgerhäuser und stolze
Burgen in gleicher Weise traf, so sanken zahlreiche Baudenkmale, welche der Richtung des
gothischen Stils angehörten, in Schutt und Trümmer. Die künstlerisch hochbedeutsameu
Anlagen der Cistercienser in Königsaal, Nepomnk, Skalitz, Goldenkron, Hradiste und
Sedlee wurden ganz oder theilweise zerstört; dasselbe Schicksal theilten die meisten Klöster
der Benedictiner, Prämonstratenser, Bettelmönche und der anderen Orden. Manche Stadt-
kirche brannte nieder oder litt schweren Schaden, wenn Hab und Gnt der Bürger in Rauch
und Flammen aufging. Wenige Jahre genügten, um gründlich' mit dem auszuräumen,
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (2), Band 15
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (2)
- Band
- 15
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1896
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 16.07 x 22.35 cm
- Seiten
- 708
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch